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Niemanden als Verlierer allein lassen

Unsere Trauer und unser Mitgefühl gelten den Opfern von Winnenden. Was ist geschehen? Und wie kann man verhindern, dass sich eine solche Tragödie wiederholt? Mir liegt es fern, die schrecklichen Geschehnisse von Winnenden nur aus den gesellschaftlichen Verhältnissen heraus erklären zu wollen.

Aber die Tat des Tim K. ist für mich auch erkennbarer Indikator einer Angst, zu den Verlierern zählen zu müssen. Immer mehr junge Menschen kapitulieren vor den übersteigerten Erwartungen, die an sie gestellt werden. Der Turbokapitalismus führt zu einem fast alle Lebensbereiche ergreifenden Konkurrenzprinzip, setzt die Menschen unter einen ungeheueren Leistungsdruck, den sie oft nur schwer mit ihren eigenen Bedürfnissen ausbalancieren können.

Die Ökonomisierung und das mit ihr einhergehende Wettbewerbsprinzip hat längst auch die Schulen erfasst. Investitionen in Beton statt in Köpfe, zu viele Lehrpläne, immer neue Bildungsreformen mit dem Ziel einer Effektivierung des Bildungsweges lassen die Menschen vereinzelnen, fügen ihnen innere Wunden zu und lassen beschädigte Persönlichkeiten zurück. Der Bildungsweg war früher einmal Quelle der Gewinnung von persönlicher Einsicht und Freiheit. Heute und im Zeichen der Krise umso stärker ist er zum Lebenskampf mutiert, die Angst, später einmal keinen Arbeitsplatz zu bekommen, droht Kreativität zu ersticken. Und so werden Verantwortungsträger herangezogen, die –  wenn es darauf ankommt – leicht zum Mitläufer werden, weil sie sich nicht positiv in der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, sondern immer in aggressiver Abgrenzung zu anderen profilieren.

Menschen, die in einer schwierigen Entwicklungsphase ihres Lebens sind, brauchen bedingungslose Anerkennung. Die müssen ihnen Pädagogen schuldig bleiben, die selbst immer höheren Leistungserwartungen ausgesetzt werden. Wir müssen diesen Teufelskreis mangelnder Wertschätzung durchbrechen. Eine Bürgergesellschaft muss einen neuen Grundkonsens darüber herbeiführen, was uns Bildung bedeutet: ich meine, die Förderung der Vielfalt, die Stärkung der Menschen und ihrer Potenziale auch für die Übernahme bürgerschaftlicher Verantwortung, die Mehrung des Reichtums durch Kooperation, Anstand und Mitmenschlichkeit und die Überwindung von Hierarchie zugunsten des Prinzips der Partnerschaftlichkeit .

Das Geschehen von Winnenden ist unfassbar und weder ein Symbol für die Verrohung der Gesellschaft noch für das Versagen von Institutionen. Aber es zeigt, auch nach den schrecklichen anderen Ereignissen von Erfurt, Bad Reichenhall und Emsdetten: wir müssen Abschied nehmen von der Dominanz des alles durchdringenden Konkurrenzprinzips und dürfen niemanden als Verlierer alleine lassen.

 

Kommentare (11)

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Re: 19.3.2009

von Melanie Frank am 19.03.2009 um 19:41 Uhr

Ich finde die Ereignisse von Winenden sehr schlimm. Waffenverbote oder das Ablehnen von Computerspielen werden aber nicht reichen, um künftig solche Taten zu verhondern. Wir müssen über die Usachen nachdenken. Danke, Frau Schwan, dass Sie damit anfangen.

Engagement für die Menschen

von Andreas Klamm am 20.03.2009 um 14:08 Uhr

Sehr geehrte Frau Gesine Schwan !

Erst vor kurzem habe ich einer meiner Beiträge für ein Online-Magzin dem Thema Solidarität gewidmet.
Leider kann und muss ich vielen Punkten in Ihrem Beitrag zustimmen.

Sie schrieben in Ihrem Beitrag: "Das Geschehen von Winnenden ist unfassbar und weder ein Symbol für die Verrohung der Gesellschaft noch für das Versagen von Institutionen. Aber es zeigt, auch nach den schrecklichen anderen Ereignissen von Erfurt, Bad Reichenhall und Emsdetten: wir müssen Abschied nehmen von der Dominanz des alles durchdringenden Konkurrenzprinzips und dürfen niemanden als Verlierer alleine lassen."

Es sollte keine Menschen geben, die zu Verlierern gemacht werden. Doch das findet Tat für Tag statt und daher bitte ich Sie auch heute sich für Meinungs- Presse- und Informations-Freiheit und die Versammlungsfreiheit von Menschen aus Anlass der Anti-Kriegs-Proteste zum Nato-Gipfel zu engagieren.
DANKE ! Andreas Klamm, Chefredaktion, MJB Mission NEWS, ISSN 1999-8414

Re: 19.3.2009

von Dr. Oliver Benjamin Hemmerle am 20.03.2009 um 14:31 Uhr

Liebe Genossin Schwan,

Deine Analyse ist richtig, aber OHNE Mordwaffen zu "Sport"zwecken hätte es Erfurt und Winnenden SO nicht gegeben. Schliess Dich doch bitte folgendem Aufruf an:

"Keine Mordwaffen als Sportwaffen! Neun Schüler, drei Lehrerinnen, drei Passanten sind am 11. März in Baden-Württemberg erschossen worden, mit einer Sportwaffe. Nach dem Schulmassaker in Erfurt hatten Bundesregierung und Bundestag sieben Jahre Zeit, den Besitz von tötungsfähigen Waffen für den Schießsport zu unterbinden. Wir brauchen kein halbherzig geändertes Waffengesetz. Wir wollen ein Verbot von Mordwaffen als Sportwaffen – sofort! ...." www.sportmordwaffen.de

Mir sind zwar nicht alle Erstunterzeichner politisch sympathisch, über den Schulboykott kann man geteilter Meinung sein, aber die Hauptforderung stimmt!

www.sportmordwaffen.de

http://www.meinespd.net/gruppen/gruppe/3303

Herzliche Grüße und viel Erfolg für den 23.05.!

Waffen werden hergestellt, um Menschen zu töten

von Rainer Schinzel am 21.03.2009 um 19:33 Uhr

Auch ich möchte auf die Forderung der Initiatoren:

www.sportmordwaffen.de

hinweisen. Ob Schulboykott der richtige Weg ist, Druck zu machen, weiß ich nicht. Anderes fällt mir zumindest nicht ein.

Eine Textstelle aus einem Song der Gruppe Lambchop kommt mir jedenfalls sofort in den Sinn:

“I have always thought
That hand guns were made for shooting people
Rather than for sport”

Lambchop: „Paperback bible”

Viele Grüße

Re: 19.3.2009

von Renate Voß, älteste Distriktvorsitzende im Bund (79) am 21.03.2009 um 22:08 Uhr

Liebe Genossin Gesine!
Natürlich hast Du mit Deiner Meinung zu dem furchtbaren Geschehen am 11. 03.2009 Recht! Trotzdem würde ich Dir gern meine Meinung als "Fußvolk unserere Partei" schreiben, komme aber mit dem vorgegebenen Platz nicht aus.
Nun habe ich die Hoffnung, dass wir uns 05.04. in meiner schönen Heimatstadt bei der Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung sprechen können.
Dir und Deinem Team ein kräftiges "Hummel.Hummel"! Renate

Re: 19.3.2009

von Dr. Ines Advena am 21.03.2009 um 22:42 Uhr

Ist es nicht doch so, daß unsere Generation (ich bin Jahrg.1960) ziemlich versagt hat? Erziehung ist `Beispiel und denkende Liebe´(Froebel) und meiner Erfahrung nach geht es auch nur so. Was aber geben wir für ein Beispiel ab, was leben wir als Eltern unseren Kindern vor? Unter unserer Ägide ist doch die Lebenswelt so oberflächlich, individualisiert und ökonomisiert geworden,oft eine Mogelpackung ohne Inhalt.Gegen diese Entwicklung haben wir nichts getan und wir tun es auch heute noch nicht.Wir versuchen höchstens Werte zu vermitteln, die wir selbst definitiv nicht vorleben. Diese Doppelbödigkeit ist es doch, die Kinder zutiefst verunsichert und ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen kann.Kinder haben extrem empfindliche Sensoren für Unstimmigkeiten.Sie hätten viel weniger Probleme, wenn wir das was wir sagen auch täten. Und wenn in Familien mehr geredet würde v.a. auch über Gefühle, mehr gelesen und offen über Inhalte diskutiert hätte die Umwelt weniger destabilisierenden Einfluß.

Re: 19.3.2009

von Jürgen Schmitt am 27.03.2009 um 17:33 Uhr

WIRTSCHAFT FRISST MENSCH UND NATUR
Gesine Schwan hat den Kern des Problems beschrieben. Die Ökonomisierung tötet (den) Menschen. Unsere postkulturelle und postsoziale Gesellschaft kennt als einzig sinnstiftenden Zweck die Schaffung von BSP. In ihrer verzweifelten Orientierungslosigkeit ist die Verteilung von Abwrackprämien zur Vermeidung eines "negativen Wirtschaftswachstums" Sinnbild einer im tieferen Sinne kultur-, religions- und sinn-losen Gesellschaft. Wir haben keine Finanz- und auch keine Wirtschaftskrise - wir haben eine Kulturkrise, die folgerichtig die Schwachen zuerst frißt: Kinder und Jugendliche. Soziales Miteinander wird aufgelöst und durch wirtschaftliche Prozesse ersetzt. Die Aneignung von Geld ist Voraussetzung für gesellschaftliches Sein: So ist jede neue Psychotherapiepraxis ein volkswirtschaftlicher Gewinn, jeder Geheilte ein Schaden volkswirtschaftlicher Schaden. Die Zerstörung von Natur und Umwelt schafft Raum für wirtschaftliches Handeln - für BSP. Wo bleiben Kind

Re: 19.3.2009 / Ihr Besuch am 25.3. in Bielefeld

von Diakon am 27.03.2009 um 22:06 Uhr

VON DER FÜRSORGE ZUR INKLUSION

Sehr geehrte "Schwester" Schwan,

Vielen Dank für Ihre geistreichen und persönlichen Gedanken zum Thema "Inklusion" - denn eine partizipative, barrierefreie Gesellschaft scheint mir ein sehr guter Hoffnungsgedanke für die Zukunft zu sein.

Dass das Prinzip "Konkurrenz" uns menschlich ärmer macht ist überall in diesem Land zu fühlen.

Der Gegenentwurf einer Kultur der Inklusion sollte überall die Wirklichkeit ergreifen - dann wird "gemeinschaft verwirklichen" gelebt.

Ihren Vortrag wünschte ich unter Ihren Redenbeiträgen, um ihn weiterzuempfehlen.
Vorläufig findet man Ausschnitte davon unter: http://www.unserekirche.de/sonderseiten/startseite/gesine-schwan-in-bethel_3195.html.

Vielen Dank!

sportmordwaffen.de

von Reinhard Felser am 16.04.2009 um 11:33 Uhr

Hallo, es gibt tatsächlich immer noch Menschen, die glauben, wenn Sportwaffen verboten werden, würden Amokläufer verhindert. Das haben die Massenmedien ja prima hinbekommen. Dadurch, dass "16 Sportwaffen und 4600 Schuß Munition" in Winnenden immer und immer wieder Gebetsmühlenartig wiederholt wurde, glaubt jetzt fast jeder, dass Amokläufer verhindert werden könnten, wenn Sportwaffen verboten werden. Herzlichen Glückwunsch. Aber zum Glück gibt es ja doch noch eine große Anzahl intelligenter Mensch, die sich von einem solchen Unsinn nicht beeinflußen lassen, und wie Sie, Frau Schwan, sich Gedanken über die wahren Ursachen machen. Danke. Eine Forderung nach mehr Psychologen an unseren Schulen wäre wesentlich sinnvoller, als die Abschaffung von Sportwaffen zu fordern. Im Übrigen tragen die Medien nachweislich eine große Mitschuld daran, dass Amokläufe stattfinden. Die Täter werden durch und über die Medien "Berühmt" gemacht, und jeder weitere Täter schaut sich vorher die Listen über das Internet an, wie viele Tote seine Vorgänger geschafft hatten, und versucht, noch mehr Menschen zu töten, um die Liste anzuführen oder zumindest dazu zu gehören und auch berühmt zu werden und zu "sein".

Re: 19.3.2009

von Elke Diehl am 16.04.2009 um 21:09 Uhr

Ihre besonnene Reaktion hat sich wohltuend von den zahlreichen Stimmen abgehoben, die nach einer Verschärfung der Waffengesetze und ähnlichen symptomatischen Maßnahmen riefen. Dabei hat schon 1987 die Gewaltkommission der Bundesregierung festgestellt, dass die Schule selbst eine wichtige Rolle bei der Verursachung von Gewalt spielt und hat neben einer Stärkung des Erziehungsauftrags der Schule und des Wir-Gefühls der SchülerInnen gefordert, dass Lehrkräfte nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch auf Problemlagen ihrer SchülerInnen eingehen, Unterrichtsziel sollte die Stärkung des Selbstwertgefühls sein. Es herrscht also seit langem kein Mangel an guten Konzepten. Was wir brauchen, ist ein breiter gesellschaftlicher Konsens über, wie Sie es treffend beschreiben, eine Kultur der gegenseitigen „Wertschätzung und Anerkennung“ und die Überwindung des reinen „Konkurrenzprinzips“. Daher wünsche ich Ihnen allen nur denkbaren Erfolg bei der Abstimmung in der Bundesversammlung am 23. Mai !

Re: 19.3.2009

von Markus am 23.04.2009 um 00:10 Uhr

Und wie leicht ist es doch, individuelles Versagen nur dem einzelnen "Versager" verantwortlich zuzuordnen!

Aber umso schwerer ist es, nach den Ursachen zu fragen. Warum produziert eine Gesellschaft überhaupt "Verlierer"? Und wer sind die "Gewinner"? Wo die Maßstäbe dafür? Und von wem werden sie festgelegt?

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