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Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen

Vor einiger Zeit habe ich Ihnen meine Sichtweise auf die gegenwärtige Krise beschrieben: Sie ist in meinem Augen keineswegs auf die Finanzmärkte oder die Wirtschaft beschränkt, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben könnte. Vielmehr stellt sie unseren gesamten, auf wachsenden Wohlstand und stetig steigenden Konsum ausgerichteten Lebensstil in Frage. Ihre Ursachen liegen weit tiefer als nur in einigen gigantischen Fehlspekulationen gieriger Banker. Ein Stück weit wurzeln sie in unserer Lebenskultur, deren Leitstern mehr und mehr eine entfesselte Konkurrenz geworden ist.

Einen wirklichen Ausweg aus der Krise finden wir deshalb nur, wenn wir umfassend analysieren, wie es dazu kommen konnte, und uns im Anschluss daran neu orientieren. Dazu gehört auch, dass sich die Verantwortlichen aus dem internationalen Bankengeschäfts dazu erklären, wie es zur Finanzkrise kommen konnte und mit welchen Änderungen im System man einer Wiederholung vorbeugen kann. Wenn die Finanzwelt bei uns Kundinnen und Kunden und Bürgerinnen und Bürgern um erneutes Vertrauen wirbt, so können wir dieses nur gewähren, wenn die Verantwortlichen sich ihren Fehlern stellen und diese auch offen legen.

Aber das ist nur ein Aspekt; eine Aufarbeitung der Krise darf nicht bei den Banken halt machen. Wir sollten die momentane Ausnahme-Situation nutzen, um alle gesellschaftlichen Bereiche einer Revision zu unterziehen: Gemeinsam müssen wir gegen die kollektive Kultur der Verantwortungslosigkeit angehen, die sich überall dort breit gemacht hat, wo Menschen sich nicht mehr fragen, welche Konsequenzen ihr Handeln für den Zusammenhalt des Ganzen hat. Um wieder eine solche Kultur der Eigenverantwortung zu schaffen, müssen wir das überall vorherrschende Effizienzprinzip durchbrechen und neue Freiräume für Nachdenklichkeit und kritische Reflektion schaffen. Nur so gewinnen wir Potenziale für echte Innovationen.

Zur Bewältigung der Krise brauchen wir einen starken Zusammenhalt und die Bereitschaft von allen, Verantwortung für gesellschaftliche Fragen zu übernehmen. Das schafft die Politik nicht allein, ebenso wichtig sind die organisierte Zivilgesellschaft und das Engagement des Privatsektors. Um wieder mehr Menschen in den politischen Prozess einzubeziehen, benötigen wir mehr Teilhabe, als das bislang der Fall war – etwa durch ein Mehr an Plebisziten oder die Einflussnahme bei Kandidatenaufstellungen. Viele Menschen sind grundsätzlich bereit, sich in Projekte einzubringen. Wer ein konkretes Ziel verfolgt, ist auch nicht demokratiemüde. Die Schaffung und Bestärkung dieser Gemeinsamkeit ist das leitende Thema meiner Kandidatur.

Ich freue mich wie immer auf Ihre Kommentare.

 

Kommentare (5)

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Re: 21.4.2009

von cronhill am 21.04.2009 um 12:44 Uhr

"Das schafft die Politik nicht allein, ebenso wichtig sind die organisierte Zivilgesellschaft und das Engagement des Privatsektors."

Das schafft die Politik überhaupt nicht, denn sie ist besonders mehr und mehr von Verantwortungslosigkeit geprägt und nicht in der Lage ein langfristiges Wertesystem zu entwickeln, zu befördern geschweige denn vorzuleben.

Das kann ich hingegen voll und ganz unterschreiben:

Gemeinsam müssen wir gegen die kollektive Kultur der Verantwortungslosigkeit angehen, die sich überall dort breit gemacht hat, wo Menschen sich nicht mehr fragen, welche Konsequenzen ihr Handeln für den Zusammenhalt des Ganzen hat.

Verantwortung stammt vom Begriff der Responsibilitas ab, was bedeutet, dass man sich vor einem Gericht für sein Handeln verantwortet. Es fehlen aber die Richter - denn Kirchen und die Gesellschaft versagen als Instanzen.

Re: 21.4.2009

von Guido Strack am 21.04.2009 um 22:13 Uhr

Wir brauchen vor allem Transparenz um die Dunkelbereiche in Politik, Unternehmen und anderen Organisationen aufzubrechen. Derzeit werden Menschen (Whistleblower) die versuchen dort auf Missstände hinzuweisen abgestraft, gemobbt und gekündigt oder sogar wegen Verletzung von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen oder Amtsgeheimnissen verfolgt. Dies muss sind ändern, denn solange die Gesellschaft nicht weiß was wirklich vor sich geht, kann sie auch niemanden zur Verantwortung ziehen. Darauf dass die Herrschaften sich selbst ihrer Verantwortung stellen können wir - siehe Finanzkrise - wohl noch lange warten. Außerdem bräuchten wir eine unabhängige Justiz die Gesetze auch gegen Führungseliten in Politik und Wirtschaft durchsetzt statt auf Verfahrenseinstellungen und Deals zu setzen.

Re: 21.4.2009

von Markus am 22.04.2009 um 00:42 Uhr

Es ist schon erstaunlich und erschreckend zugleich, was dreißig Jahre an neoliberaler Reformpolitik aus Land und Leuten gemacht hat. Dabei geht es vielen heutzutage deutlich schlechter als in den "Goldenen Siebzigern", die man zwar nicht verklären darf, in denen aber ein anderer Reformgeist herrschte.

Vielleicht könnte uns die "Keynessche Alternative" dabei helfen, um aus der beklemmenden Wirtschafts- und Sozialkrise herauszukommen.

Wenn die Entscheidungsträger in Politik und Staat erst einmal die "richtigen" Wegmarken gesetzt haben, wird`s bestimmt wieder besser mit der Demokratiebegeisterung der Menschen.

Re: 21.4.2009

von Reinhard Kropp am 23.04.2009 um 09:19 Uhr

Die Grenzen des Wachstums werden in unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten nicht erkannt. Und auf der Jagd nach immer mehr vergessen wir eine der wichtigsten Aufgaben des Einzelnen in einer Gesellschaft: Politisch zu sein! Unsere Lehrer haben es in den Sechzigern noch vermocht uns zu politischen, kritischen jungen Bürgern zu erziehen. Und wir bringen es offensichtlich nicht fertig dieses kritische politische Interesse an unsere Nachfolger weiterzugeben. Was zuerst zu Staatsverdrossenheit, danach zu Demokratieverdrossenheit und schließlich zu Unruhen führen kann.

Massnahmen, die keiner wagt anzusprechen

von Thomas Trautzsch am 27.04.2009 um 10:48 Uhr

1.) Untersuchungsausschuss von unabhängigen Wirtschaftsprüfern, im Stile der Pecora-Kommission von 1933 in den USA, der sich nicht nur auf die HRE beschränkt, sondern das gesamte bankrotte Finanzsystem untersucht, und die kriminellen Machenschaften der dort Verantwortlichen offenlegt.
2.) Alle toxischen Wertpapiere müssen komplett abgeschrieben werden. Geschieht dies nicht, steuern wir in eine hyperinflationäre Phase, die den Banken die Schulden nimmt, und dem Bürger und Steuerzahler sämtliche Ersparnisse auslöscht. Die bankrotten Banken (fast ausnahmslos alle) müssen ein ordentliches Insolvenzverfahren durchlaufen, bei dem der gute nicht-spekulative Teil des Geschäfts staatlich geschützt wird. Der spekulative Rest geht in die Abfalltonne.
3.) Souveräne Staatliche Kreditschöpfung für die Realwirtschaft unter dem Dach der KfW.
4.) Ein neues Bretton Woods 2, wie es ihr Gegenüber in der Bundespräsidentenwahl mutigerweise zum Ausdruck bringt.

Der Rest kommt von selbst.

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