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Die Krise ist eine kulturelle

Das Thema meiner Hamburger Grundsatzrede am Sonntag, dem 5.April,  ist die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise, die in meinen Augen eng mit einer kulturellen Krise verknüpft ist. Wir haben in unserem Land über Jahre hinweg einer Kultur der Verantwortungslosigkeit die Herrschaft überlassen. Wie konnte es dazu kommen?

Mit der Deregulierung Ende der 70er Jahre haben wir uns auf einen Weg begeben, in dessen Verlauf  Konkurrenz und Wettbewerb entfesselt wurden. Heute durchzieht diese Konkurrenz alle Lebensbereiche der Menschen bis ins Private. Wir begreifen uns gegenseitig immer mehr als Konkurrenten, nicht als Kooperateure, und sehen die Gesellschaft nur in den Kategorien von Gewinnern und Verlierern.

Die Folgen sind fatal und in allen gesellschaftlichen Bereichen spürbar. Beispiel Bildung: Unser Schulsystem belohnt diejenigen, die sich im Wettbewerb gegen die anderen durchsetzen. Wir haben uns jahrelang auf die Förderung von Eliten konzentriert und dabei ganze Jahrgänge von Jugendlichen ins gesellschaftliche Abseits geschickt. Dabei haben wir übersehen, dass jedes Kind Begabungen hat und unser Land jedes Talent braucht. Unsere Bildungsinstitutionen müssen wieder echte Verantwortungsträger heranziehen, die gemeinwohlorientierte Entscheidungen treffen.

Auch in der Ausbildung und im Arbeitsleben müssen wir das reine Effizienzprinzip durchbrechen und auf allen Ebenen wieder Freiräume für Kontemplation und spielerische Experimente schaffen.

Eine funktionierende Wirtschaft braucht natürlich Wettbewerb, aber in einer vernünftigen Balance. Krise bedeutet, einen Zusammenbruch zu erleben und daraus Konsequenzen zu ziehen. Und genau das sollten wir jetzt tun: Wir müssen die Anstrengung und das Wagnis einer tieferen Analyse der gegenwärtigen Krise auf uns nehmen und den systemischen Ursachen nachspüren. Einzelne „Sündenböcke“ anzuprangern führt zu nichts: Sie haben in einem System „funktioniert“ und gemäß dessen Regeln gehandelt, welches wir genauer begreifen müssen, um wirklich Wege aus der Krise zu finden.

Gegen diese Kulturkrise, die schleichend unsere Institutionen und Regeln ruinert, müssen wir eine neue Kraft der Gemeinsamkeit richten. Wir können umsteuern. Hier und heute. Denn Zukunft haben wir nur gemeinsam.

Was meinen Sie? Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

 

Kommentare (6)

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Re: Finanzkrise

von Christoph Bönig am 01.04.2009 um 15:17 Uhr

Sehr geehrte Frau Schwan.
Ich habe ihren Beitrag zur Finanzkrise mit besonderem Interesse gelesen, da er bei der Fülle an Analysen der vergangenen Monate endlich einmal einen Bezug zur Kultur und Bildung herstellt. Für den Geschmack einiger mag eine solche Darstellung eventuell nur ein aus Deutschland gewohntes Klagen auf hohem Niveau sein. Ich möchte ihre Haltung vor dem Hintergrund meiner derzeitigen Erfahrungen als Auslandsstudent in China teilen: denn obwohl sich nach Berichten die Wirtschaft des Landes im Verhältnis noch am ressistensten erweist, so sich die dafür nötigen Anstrengungen der letzten 30 Jahre mit einer enormen finanziellen Kluft zwischen arm und reich und kulturellen Werteverfall (Sprache, Respekt, Esssitten) einhergegangen, die sich gesellschaftlich zukünftig auch nicht mehr mit wirtschaftlicher Spitzenleistung kompensieren lassen. In diesem Sinne sollten wir in Deutschland jetzt noch die Stunde ergreifen, um diese Entwicklung bei wirtl. Rezension zu verhindern. MfG

Re: Finanzkrise

von Prof. Dr. Hans Reinhard Seeliger am 04.04.2009 um 14:36 Uhr

Es ist sehr verdienstvoll, dass hier die Analyse deutlich vertieft wird. Dass der in allen gesellschaftlichen Bereichen inzwischen inszenierte Wettbewerb die Wertebasis der Gesellschaft erodieren läßt, weil er nur auf einen einzigen "Wert", den des Eigennutzes setzt, ist zwingend. Es wird aber wohl noch lang dauern, bis gesellschaftlich realisiert werden wird, wo der Wettbewerb möglich, notwendig, sinnvoll - oder eben das Gegenteil davon ist. Im Bildungssystem, wo sich diese Denkungsart m.E. am verhängnisvollsten auswirkt, weil sie hier direkt in die Köpfe der nächsten Generation eingepflanz wird, wage ich kaum zu hoffen, dass sich spärbare Änderungen in weniger als 10 Jahren ergäben, vorausgesetzt, man finge jetzt an.

Re: Finanzkrise

von Nikolai Rosenbusch am 04.04.2009 um 19:12 Uhr

Liebe Frau Schwan,
Ursprünglich waren Ethik und Ökonomik unter dem Dach der praktischen Philosophie eng verbunden.(Vgl. Elisabeth Göbel,2006, S.51)
Im Grunde stellt sich also der >Homo Oeconomicus< die Frage wie soll ich handeln?
Das Streben nach maximalem privatem Reichtum zählt Aristoteles ausdrücklich nicht zum Gegenstand der Ökonomik.(Vgl. Elisabeth Göbel,2006, S.54)
Liegt womöglich das Problem der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise an einem mangelndem Moralverständnis des >Systems Marktwirtschaft?<
MsG Nikolai Rosenbusch

Re: Finanzkrise

von Michael Loebbert am 20.04.2009 um 17:11 Uhr

Vielen Dank für das Benennen der kulturellen Krise. Aus meiner Sicht entscheidend. Das gilt gesellschaftlich und auch für Unternehmen, die Vertrauen als Voraussetzung für wirtschaftlichen Austausch, werthaltige Innovation und Unternehmensfreude systematisch korrumpieren. Da hilft dann auch keine Konjunktur mehr.

Herzlich, Michael Loebbert
(http://www.mloebbert.com)

Re: Finanzkrise

von Markus am 22.04.2009 um 23:32 Uhr

Daß eine "Kultur des Ellbogens" in die Sackgasse führt, sollte eigentlich klar sein. Deshalb ist auch mit der modernen Mythenbildung, wonach "Markt und Wettbewerb" nahezu alle Probleme der heutigen Gesellschaft lösen und der politischen Gestaltung eine Absage erteilt wird, endlich aufzuräumen.

Sogesehen kann die (noch längst nicht überstandene) Finanz- und Wirtschaftskrise vielleicht auch eine Chance zum Innehalten und zur Reflexion bieten.

Re: Finanzkrise: Kulturelle Krise

von Lars Galtung am 10.05.2009 um 15:58 Uhr

Ich würde mir so sehr wünschen, dass auch das BuPräAmt mit neuer Kreativität durchflutet werden würde oder wie man auch sagen könnte: "Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren". Also diesen Muff abschaffen.

Endlich einmal werden die richtigen Fragen von Ihnen gestellt und zu einer breiten Diskussion aufgerufen.

Wir brauchen eine positive Aktivierung der Bürger, denn Demokratie heißt mitmachen.

Nachweislich gab es mehr als genug Fachleute aus der Finanzwirtschaft, welche schon vor mehr als 10 Jahren genau vor dieser Krise gewarnt haben.

Wir müssen fragen, ob die schon im Kindergarten beginnende Auslesegesellschaft (Wettbewerbsgesellschaft) ein gutes System ist.

Wir müssen ganz grundsätzlich uber unsere Kultur diskutieren und da hilft das ewige Schönreden gar nichts.

Ihre bisherigen Auftritte vermitteln den Eindruck hoher Fachkompetenz dessen was gebraucht wird.
Also wartet das Volk auf Ihre Hilfe.

Dem Volk bleibt: Das Prinzip Hoffnung.

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