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Cem Özdemir: Mit Bildung Blockaden durchbrechen – und Erinnerungskultur bewahren

Cem Özdemir ist Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen.

Unsere Gesellschaft wird heute von vielen, gerade jungen Menschen als blockiert empfunden. Die Blockade fängt schon bei Kindern an, die in den ersten entscheidenden Jahren nicht die Betreuung und Erziehung bekommen, die ihnen zusteht. 2,5 Millionen Kinder in Deutschland leben auf Sozialhilfeniveau. Sie sind besonders betroffen  von einer Bildungsarmut in Deutschland, die gerade die Lebenschancen von Kindern aus sozial benachteiligten Familien, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, erheblich einschränkt. Die Blockade setzt sich fort in einem Schulsystem, das de facto zu früh und nach Herkunft trennt und dessen mangelnde Qualität spätere Berufschancen systematisch verbaut. Früher mündete die Hauptschule in eine berufliche Lehre, heute hat auch ein Jahr nach Schulabschluss jeder zweite Hauptschulabgänger einen Ausbildungsplatz gefunden. Und auch der Zugang zur Hochschule ist für viele blockiert, denn die Chancen von Kindern aus Arbeiterfamilien auf ein Studium sind wesentlich geringer als die von Akademikerkindern.

Unsere Gesellschaft kann auf die Ideen und die Kreativität dieser jungen Menschen nicht verzichten. Die Weichen müssen jetzt gestellt werden, damit die Wirtschaftskrise diese Blockaden nicht noch verfestigt. Es ist deshalb Zeit für eine Politik der Teilhabe, die sich auf jene Institutionen konzentriert, in denen die Grundvoraussetzungen für die gesellschaftlichen Möglichkeiten der Menschen entschieden werden. Eine so verstandene Politik der Chancengerechtigkeit, die mehr sei möchte als bloße Umverteilung, muss im Bereich der Bildung ansetzen.

 
In unserer sich wandelnden multikulturellen Gesellschaft ist die Schule der Ort, wo sich diese Herausforderung besonders stellt. Auch daran denke ich, wenn ich einen bildungspolitischen Aufbruch in unserem Land verlange – und sehe mich hier an der Seite von Gesine Schwan, für die Bildung zurecht „mehr als Aufstieg und Effizienz“ ist.

Doch viel zu oft bleibt die Debatte um die Reform unseres Bildungssystems ideologisch, weil sie einem Entweder-oder-Denken verhaftet bleibt und sich ausschließlich auf die Überwindung der frühen Trennung der Schüler oder nur auf die Verbesserung der Unterrichtsformen beschränkt. Doch das ist zu kurz gedacht.  Denn die Kinder müssen nicht nur länger gemeinsam lernen, sie müssen auch wirklich individuell gefördert werden – und das gilt selbstverständlich auch für die Hochbegabten unter ihnen. Das Ziel dieser Förderung muss es sein, dass kein Kind zurückbleibt und jedes in die Lage versetzt wird, individuell und selbständig zu lernen. Die Abschaffung der Hauptschule allein reicht ebenfalls nicht aus, es bedarf zugleich auch einer verbesserten Aus- und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer, neuer Methoden des Lernens und Lehrens, die in einer entsprechend verbesserten Unterrichtsqualität münden. Ganz klar: Gute und verantwortungsvolle Bildungspolitik muss beides im Blick haben, sowohl Struktur als auch Qualität. Das ist der einzige Weg, um sowohl Kinder aus bildungsbenachteiligten Schichten besser zu fördern als auch das Vertrauen der Mittelschichten in unser öffentliches Schulsystem zurückzugewinnen.

 

Es wäre allerdings ein großes Missverständnis, wenn diese bildungspolitischen Reformen nur dazu dienen sollten, in wirtschaftlich nutzbares Humankapital zu investieren. Bildung bedeutet mehr als die bloße Verwertbarkeit von Wissen auf dem Arbeitsmarkt. Gerade in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft dient Bildung auch der Erziehung zur Demokratie und Toleranz. Diese Erziehung muss gerade auch in unseren Bildungseinrichtungen wie etwa Kindertagesstätten und Schulen erfolgen.

Dafür spricht auch die Erinnerungskultur in Deutschland, die lebendig gehalten werden muss, aber gegenwärtig einem Wandel unterliegt. Denn die Zeitzeugen werden immer weniger, zugleich wächst die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund, die keinen familiären Bezug zum Nationalsozialismus und zum Holocaust haben. Für unser Land entsteht damit nicht nur die besondere Herausforderung, die Erinnerung an die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs Wach zu halten und daraus moralische und politische Konsequenzen für unser Handeln zu ziehen, sondern dabei auch die „neuen Inländer“ mitzunehmen.

Das gilt umso mehr, da es heute nicht nur darum geht, was tatsächlich geschah, sondern ebenso darum, „wie das Geschehene erzählt und vergegenwärtigt wird“ (Michael Jeismann). In unserer sich wandelnden multikulturellen Gesellschaft ist die Schule der Ort, wo sich diese Herausforderung besonders stellt. Auch daran denke ich, wenn ich einen bildungspolitischen Aufbruch in unserem Land verlange – und sehe mich hier an der Seite von Gesine Schwan, für die Bildung zurecht „mehr als Aufstieg und Effizienz“ ist. 

April 2009