Die Schriftsellerin Tanja Dückers lebt in Berlin. Seit 1996 hat sie Prosawerke, Lyrikbände, Essays und Theaterstücke veröffentlicht. Regelmäßig schreibt sie Kolumnen zu politischen Themen für die ZEIT.
In jüngster Zeit ist Osteuropa fatalerweise ein wenig aus dem Blickfeld geraten: Man schaut von Berlin aus in Zeiten der Finanzkrise wieder verstärkt nach Washington, London, Brüssel oder Paris. Und die Diskussion um den möglichen EU-Beitritt der Türkei oder, in noch fernerer Zukunft, vielleicht auch der Ukraine hat die immer noch notwendige Aufmerksamkeit für die gerade erst fünf beziehungsweise drei Jahre (Rumänien und Bulgarien) zurückliegende Integration der neuen EU-Länder in den Hintergrund gedrängt.
In den vergangenen tausend Jahren hat Europa – Pathos ist beabsichtigt und recht am Platz - noch nie eine so stabile, friedliche politische Konfiguration wie heute aufgewiesen. Die Aussöhnung Europas und das fortgesetzte Engagement für dieses absolut zentrale Projekt, das noch keineswegs auf allen Ebenen zufrieden stellende Resultate zeigt, darf nicht in den Schatten von vordergründig spektakuläreren Themen – die Beziehungen zu Russland oder China, um nur zwei Beispiele zu nennen - geraten.
Heute, im Jahr 2009, in Zeiten von zunehmendem Nationalismus, von neuen Partikularisierungstendenzen, Fremdenhass und Europafurcht gibt es keine klügere Wahl als die der welt- und sprachgewandten Pro-Europa-Politikerin Gesine Schwan für das Amt des Bundespräsidenten. Der Bundespräsidentin.
Kein Land in Europa hat so viele Grenznachbarn wie Deutschland, und kein Land fungiert gleichermaßen ebenso faktisch wie sinnbildlich als Tor zum Westen und zum Osten wie Deutschland. Diese geopolitische Mittellage verlangt von einem Präsidenten eine ganz besondere Aufmerksamkeit für die Belange von und Beziehungen zu Mittelosteuropa. Ich kann mir keine Präsidentschaftskandidatin vorstellen, die für diese Aufgabe mehr Qualifikation und Expertise als Gesine Schwan mitbringen würde. Die Wissenschaftlerin und Politikerin, die fließend polnisch spricht, hat sich schon für die Verständigung zwischen West- und Osteuropäern eingesetzt, als es die EU noch gar nicht gab.
Gesine Schwan passt in kein Raster von „linken“ oder „rechten“ Stereotypen, ihre Orientierung scheint vielmehr der Humanismus und ein unbestechliches Gerechtigkeitsdenken zu sein. Sie hat sich weder von naiven prokommunistischen Strömungen innerhalb der SPD in den siebziger und frühen achtziger Jahren vereinnahmen lassen (sie wurde wegen „Antikommunismus“ sogar von der Grundwertekommission ausgeschlossen) noch die übliche Arroganz und Unkenntnis vieler westeuropäischer Politiker gegenüber osteuropäischen Gesprächspartnern an den Tag gelegt. Gerade weil Gesine Schwan Osteuropa so gut kennt, hat sie sich damals mit Nachdruck dafür eingesetzt, den kommunistischen Diktaturen nur dann entgegenzukommen, wenn diese ernsthafte Bestrebungen an den Tag legen würden, die Menschenrechtslage in ihren Ländern substanziell zu verbessern. Während andere Genossen in den achtziger Jahren den Kontakt zu SED-Delegierten suchten, knüpfte sie Verbindungen mit Dissidenten von der Solidarnosc.
In den Neunziger Jahren wiederum hat Gesine Schwan - im Gegensatz zu vielen anderen Politikern, die sich unter blühenden Landschaften eher eine Fortsetzung sprießender heimischer Unternehmensvegetation jenseits des Eisernen Vorhangs in neu zu bestellenden Gärten vorstellten - von Anfang an von einer qualitativen und nicht nur quantitativen Veränderung Europas durch die Wende gesprochen: Wie sie mehrfach betonte, handele es sich bei der Osterweiterung, „nicht nur um das Ausrollen von Kuchenteig“, sondern um eine „Neuschaffung Europas“.
Heute, im Jahr 2009, in Zeiten von zunehmendem Nationalismus, von neuen Partikularisierungstendenzen, Fremdenhass und Europafurcht gibt es keine klügere Wahl als die der welt- und sprachgewandten Pro-Europa-Politikerin Gesine Schwan für das Amt des Bundespräsidenten. Der Bundespräsidentin.
Februar 2009