Interview mit dem NDR, 11.8.2011

"Die Wut wird sich auch hier steigern"

Es sind unruhige Zeiten. Die Menschen werden nervös. Es gibt einen Aufschwung, aber kaum einer hat das Gefühl, spürbar mehr Geld zu haben. Bedürftige werden sozial abgehängt, während der Staat Hunderte Milliarden Euro ausgibt, um Banken zu retten. Die Mieten vor allem in Großstädten sind unerträglich hoch. Das ist nicht nur hier so. In Israel hat das Zehntausende auf die Straßen getrieben. In England hat es sich gerade viel heftiger in sozialen Unruhen entladen. Droht das auch hier? Ein NDR Info Interview mit der Politologin Gesine Schwan, Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin.

NDR Info: Werden die Menschen ohne Perspektive auch bei uns irgendwann anfangen alles kaputtzuschlagen, was sie ohnehin nie werden besitzen können?

Gesine Schwan: In Deutschland ist die Perspektivlosigkeit nicht sozial so verfestigt wie in Großbritannien. Gleichwohl habe ich schon vor Jahren zwar nicht soziale Unruhen als kollektive Aktion sozusagen vorhergesagt, wohl aber, dass die Wut bei denen sich steigern wird, die sich als hoffnungslos abgehängt betrachten. Und das ist das Dilemma, dass Demokratien und überhaupt Gesellschaften es nicht aushalten, auf Dauer scharfe Ungerechtigkeit zu haben.

NDR Info: Noch einmal zurück zu England. Was ist Ihre Erklärung für das, was dort gerade geschieht - für diese Vehemenz?

Gesine Schwan: In England hat es in den letzten 50 Jahren mehr als bisher ungenierte Rücksichtslosigkeit gegeben zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen. Mir scheint, dass England eine der letzten Klassengesellschaften ist in Europa, wo wirklich abgeschottete Gruppen, die sich an bestimmten Orten von der Schulbildung bis zum Seniorenclub treffen, sich nicht kümmern um das, was rundherum passiert.

NDR Info: Ist das hier in Deutschland wirklich anders bzw. gibt es nicht auch diese Tendenz, wenn man sich zum Beispiel eine Stadt wie Hamburg anguckt, in der sich die Reichen in bestimmten Vierteln aufhalten, während andere zusehends verarmen und auch verfallen?

Gesine Schwan: Ja, die Tendenz gibt es ganz eindeutig. Es gibt überhaupt eine Tendenz zur sozialen Trennung der einzelnen Gruppen voneinander. Die Wand hochziehen zwischen der eigenen Gruppe und der anderen Gruppe ist immer eine Quelle für Gewalt. Denn dann entstehen Missverständnisse, dann entstehen Fehlwahrnehmungen, dann entsteht Neid und Rücksichtslosigkeit. Darüber hinaus ist es in Deutschland in meiner Sicht in den letzten 20, 30 Jahren weitgehend verdrängt worden, dass wir alle als Bürger eine gemeinsame Verantwortung haben, aber die gemeinsame Verantwortung für unsere Gesellschaft, die ist sehr stark verloren gegangen und das ist gefährlich.                 

NDR Info: Also warum sollte dann nicht doch irgendwann hier die Wut überkochen? Genau so wie in England?

Gesine Schwan: Dass die Wut überkocht, dass kann gut sein. Ich glaube, es würde eher punktuell sein, weil wir noch nicht solche abgeschotteten Bezirke, auch lokale Bezirke, haben. Gleichwohl ist ja das Dilemma oder die Tragik geradezu, dass solange es noch nicht ganz brisant ist, viele denken, wir brauchen nicht zu handeln und erst wenn es wirklich so überkocht, dann ist es meistens schon fast zu spät oder ziemlich spät. Dann sind Maßnahmen nicht mehr sehr schnell möglich und deswegen bin ich sehr betrübt darüber, dass in Deutschland, wo es noch nicht soweit ist, aber wo die Gefahr besteht, so viele sich taub stellen.

NDR Info:  Aber was soll man tun? Einfach die Steuern erhöhen und umverteilen? Das kann es doch auch nicht sein.

Gesine Schwan:
Das ist auch hier so einfach nicht gemeint. Aber es geht ja auch nicht um einfach umverteilen, es geht darum und das ist der wichtigste soziale Schritt, jetzt allen Kindern eine gleiche Chance auf Bildung und damit auf Selbstbestimmung zu geben. Allen Kindern.

Das Interview führte Sven Hasenclever.

Link: Das Interview beim NDR