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Interview (Berliner Zeitung, 13.12.2008)

"Da ist noch mehr drin"

Frau Schwan, die Bundesregierung geht bewusst abwartend mit der Wirtschafts- und Finanzkrise um, was ihr viel Kritik einbringt. Was halten Sie von diesem Kurs?

Es gibt gute Gründe dafür abzuwarten und gute Gründe dagegen. Vieles ist doch derzeit unkalkulierbar, was Entwicklung und Ausmaß der Krise angeht. Entscheidend ist für mich, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft, den bei uns stets die soziale Marktwirtschaft gesichert hat, nicht verloren geht.

Sie können sich also auch nicht entscheiden?

Zumindest habe ich Verständnis für ein gewisses Zögern bei den Verantwortlichen. Ich hielte es auch für schwierig, ein zweites Konjunkturpaket zu starten, bevor es Erkenntnisse über die Wirkung des ersten gibt. Ich glaube im Übrigen, dass wir die zweifellos notwendige Ankurbelung der Konjunktur nicht nur rein über den Konsum angehen sollten.

Sondern?

Der Staat sollte jetzt nachhaltig investieren, zum Beispiel im Bildungsbereich. Die öffentliche Infrastruktur ist ohnehin sträflich vernachlässigt worden. Das kann man jetzt bereinigen. Dabei reicht es nicht, einfach nur mehr Geld für die Sanierung von Schulgebäuden zur Verfügung zu stellen. Das ist auch wichtig und sollte schnell geschehen. Aber das Entscheidende bei der Bildung sind die Personen. Wir brauchen mehr Menschen, die sich kümmern und die Jugendliche begleiten. Das Personal muss überall aufgestockt werden - von der Kita bis zur Uni. Darüber müssen die Bildungsträger autonom entscheiden dürfen.

Mehr Lehrer, und die Krise ist überwunden?

Nein, wir brauchen auch einen Mentalitätswandel. Die Krise ist ja entstanden durch eine Art Mitläuferkultur. Da haben viele in den Banken gedacht: Augen zu und durch, alle anderen machen es schließlich genau so. So etwas wird durch unser Bildungssystem gefördert. In Deutschland wird man zu wenig zu Nonkonformismus, Verantwortungssinn, zum Denken in größeren Zusammenhängen erzogen. Das gilt an den Universitäten sogar noch mehr als an Schulen.

Woher kommt das?

Man ist vor ein paar Jahren dazu übergegangen, Schulen und Universitäten zu Shopping Malls umzubauen: überall verlockende Angebote und wer genug Geld in der Tasche hat, soll nur zuschlagen. Man hat die Schul- und Studienzeiten verkürzt und alles nur noch von Leistung abhängig gemacht. Das hat unseren Blick verengt. Das hat nonkonformes Denken erschwert. Das hat eine Kultur des unreflektierten Ehrgeizes geschaffen. Das befördert Angst und Gegnerschaft, weil der andere nur noch ein Wettbewerber ist. Dieses übertriebene Wettbewerbs- und Konkurrenzdenken muss überwunden werden. Wir brauchen wieder mehr Gemeinsamkeit und Rücksichtnahme auf die individuellen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen. Nur solche langfristigen Verbesserungen werden übrigens auch dafür sorgen, dass die Menschen wieder mehr Vertrauen in die Politik bekommen.

In den Strudel der Wirtschaftskrise gerät auch der Klimaschutz. Die Bundeskanzlerin hat einen Gegensatz zwischen Wachstum und Umweltschutz aufgemacht und gesagt, die Bewältigung der Konjunkturkrise habe Priorität.

Das halte ich für einen ausgesprochenen Rückschritt. Damit fällt die Kanzlerin deutlich hinter früher getroffene Festlegungen zurück. Wenn man sich anschaut, was heute die wirtschaftliche Leistungskraft der deutschen Wirtschaft ausmacht, sieht man doch, dass wir bei vielen Umwelttechnologien Weltmarktführer sind. Wir dürfen Wachstum und Umweltschutz nicht als Gegensätze sehen, sondern müssen das als Symbiose begreifen.

Es geht dabei aber doch um die Sicherung von Jobs ...

Die Sorge um Jobs ist verständlich. Die werden aber gerade durch die Finanzkrise gefährdet, nicht durch den Klimaschutz. Nehmen wir die Autoindustrie: Da sind die originelleren Hersteller wie VW oder Peugeot doch längst darauf vorbereitet, auf ihren Montagelinien kleinere und umweltfreundliche Modelle bauen zu lassen. Diese Flexibilität ist es ja genau, die diese Industrie so wettbewerbsfähig gemacht hat. Aber angesichts eines totalen Käuferstreiks hilft natürlich auch das nichts mehr. Da müssen wir uns alle unterhaken und die Durststrecke gemeinsam bewältigen. Das ist auch eine Frage der Führung.

Vermissen Sie die?

Sagen wir mal so: Was Klarheit und Eindeutigkeit angeht - da ist meines Erachtens noch mehr drin.

Sie meinen, die Kanzlerin müsste mehr wie Helmut Schmidt auftreten? Der ist derzeit so populär wie nie. Das hängt womöglich ja damit zusammen, dass viele Menschen in unsicheren Zeiten sich nach jemandem sehnen, der sagt, wo es lang gehen soll.

Helmut Schmidt hat diese seltene Begabung, politische Autorität mit hoher ökonomischer Kompetenz zu verbinden. So hat er großes Ansehen gewonnen. Die Menschen vertrauen ihm, weil er glaubwürdig ist. Solche Autoritäten mögen fehlen, aber man kann sie ja auch nicht backen. Nun war die Welt zu Schmidts aktiven Zeiten noch einfacher, vieles ließ sich national regeln. Ich warne auch davor, in der Demokratie auf die starke Hand einer einzelnen Person zu hoffen. Wir müssen uns schon alle gemeinsam um unsere Interessen und den Zusammenhalt unseres Gemeinwesens bemühen.

Aber international setzen viele Menschen jetzt große Hoffnungen auf die starke Hand Barack Obamas.

Gerade Barack Obama orientiert ja zurück auf die Bürgergesellschaft. Er betont immer wieder, dass die Gemeinsamkeit, das "Wir", die entscheidende Ressource ist, eben nicht der einzelne Mann oder die einzelne Frau, die sagt, wo der Hammer hängt.

Interview: Jörg Michel und Holger Schmale