Interview (Focus Online, 24.04.2009)
Frau Schwan, Sie warnen vor sozialen Unruhen als Folge der Wirtschaftskrise und werden heftig dafür kritisiert. Mit welchen Szenarien rechnen Sie denn?
Um das ganz klar zu sagen, ich rechne nicht mit brennenden Barrikaden. Wir haben aber in der gegenwärtigen Krise die Verantwortung, weder zu dramatisieren oder gar Ängste zu schüren noch die Realität auszublenden. Zu dieser Realität gehört, dass immer mehr Menschen über zunehmende Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft verärgert sind. Wir müssen verhindern, dass die von vielen empfundene Enttäuschung zu einer explosiven Stimmung führen könnte. Zusammen können wir einen Ausweg aus der Krise finden, an dem sich alle Verantwortungsträger beteiligen müssen.
Was kann die Politik in dieser Situation tun?
Zunächst einmal: Die beiden Konjunkturpakete der Bundesregierung gehen in die richtige Richtung. Ich bin sicher, Deutschland hat die Kraft, diese Krise zu bewältigen. Der Sozialstaat wirkt nachhaltig, und die Reformen auf dem Arbeitsmarkt haben Deutschland besser aufgestellt als viele andere europäischen Länder. Was wir jetzt aber auch brauchen, ist eine genaue Analyse der Ursachen dieser Krise, um eine neue zu verhindern. Denn nur, wenn man rekonstruiert, wie man in eine Krise gekommen ist, dann findet man auch wieder heraus. Als Bundespräsidentin würde ich die Verantwortlichen einladen, um diese Diskussion anzustoßen. Eine moralische Anklage gegen Manager oder einseitige Schuldzuweisungen bringen jedenfalls nichts. Aber ich bin dafür, die Krise einer umfassenden Betrachtung zu unterziehen und zwar gemeinsam mit den Akteuren, die sie ausgelöst haben.
Das zentrale Thema heißt Vertrauen. Das Vertrauen – auch zwischen den Banken – ist ja nicht von heute auf morgen verloren gegangen. Vertrauen ist eine zentrale Ressource für freiheitliches Zusammenleben. Dazu gehört zwingend, dass sich Menschen vertrauenswürdig verhalten. Wenn aber Systeme nahelegen, dass allein Rendite die oberste Maxime ist, bekommen wir ein Problem. Und dieses Problem ist nicht auf die Wirtschaft beschränkt. Wir haben es mit einer Krise der strukturellen Verantwortungslosigkeit zu tun, die längst alle gesellschaftlichen Bereiche erreicht hat. Denn das Wettbewerbsdenken ist der entscheidende Motor von allem. Die Frage, worum wir eigentlich Wettbewerb betreiben, wird gar nicht mehr gestellt.
Wie groß ist denn die Chance, dass eine umfassende Krisenanalyse auch zum Handeln genutzt wird?
Natürlich kann es nicht darum gehen, dass wir jetzt fünf Jahre Ursachenanalyse betreiben, und die Welt inzwischen eine ganz andere geworden ist. Mir geht es auch nicht um eine abgeschlossene wissenschaftliche Analyse, sondern darum, dass die Akteure ihr eigenes Verhalten rekonstruieren. Denn das hat Folgen hat für ihr künftiges Verhalten. Es ist die Voraussetzung dafür, dass wir gemeinsam in dieser Gesellschaft weiterkommen. Parallel dazu müssen für die vorhandenen Strukturen Regelungen gefunden werden, die die Akteure auf dem Markt gleichen Bedingungen aussetzen. Diese Bedingungen sollen wirtschaftliche Produktivität erlauben und fördern, aber Destruktives ausschalten.
Es gab auch in der Finanzkrise immer Personen, die gewarnt haben. Seit Jahren gibt es in der Wirtschaftswissenschaft Diskussionen darüber, dass das nicht gut gehen kann, weil es einfach nicht möglich ist, aus dem Nichts gigantische Gewinne zu erzeugen. So lange dieses System erfolgreich läuft, dringen sie aber mit diesen Warnungen nicht durch. Die vorherrschende Einstellung war doch bis zur Krise, dass der Markt als Argument für alles herhalten konnte. Das funktionierte wie ein Joker beim Rommee. Das Problem ist nur, dass die Manager nicht für ihre Entscheidungen haften, da die Unternehmen Konsequenzen verursacht haben, die sie gar nicht alleine schultern können. Am Ende haften der Staat und die Steuerzahler. Und genau deswegen ist es so wichtig, dass Verantwortungsträger erkennen, dass das Eingestehen von Fehlern kein Gesichtsverlust, sondern ein Gewinn ist. Denn wer wirklich die Größe aufbringt, den eigenen Fehler zu erkennen, der gewinnt neue Autorität.
Ist ihnen dieses Verhalten in der Politik schon einmal begegnet?
Ja, es gibt viele Politiker, die das schon getan haben. Das waren eher welche aus der zweiten Reihe, die tun sich da leichter. Denn wenn sie im Rampenlicht stehen, dann müssen sie schon verdammt stark sein, um in der Öffentlichkeit einen Fehler zugeben zu können. Aber wir müssen auch da eine Kultur entwickeln, die Fehler und das Sprechen über Fehler erlaubt. Vor der Krise war das nicht möglich. Denn in einer Wettbewerbskultur, in der jeder Bester sein will, da kann man keine Fehler machen. Und das ist natürlich ein Irrsinn, denn es gibt keinen Menschen, der keine Fehler macht.
Sie vertreten die Auffassung, dass die Finanzkrise in diesem Ausmaß auch möglich war, weil in verantwortlichen Positionen vor allem Männer sitzen. Was hätten Frauen anders gemacht?
Ich denke, dass die unterschiedlichen Sozialisationen von Frauen und Männern und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen die Verhaltensweisen und Prioritäten prägen. Die Erwartung an Männer ist oft die, dass sie die Besten sein müssen. Die Erwartungen an Frauen sind vielfältiger. Das hat zur Folge, dass Frauen auch komplexer argumentieren. Untersuchungen über Frauen in Führungspositionen zeigen, dass sie einen anderen Führungsstil haben und eher auf partizipatorische Entscheidungsfindung aus sind. Die Stärke der Männer liegt eher in der Alleinentscheidung und Kontrolle. Das ist für zukunftsweisende Entscheidungen nicht die beste Verhandlungsposition. Denn je mehr Argumente auf den Tisch kommen, desto größer ist die Chance, dass Fehler vermieden werden. Das ist in Machtpositionen besonders wichtig. Karl Deutsch hat schon vor vielen Jahren einmal die schöne Definition gebraucht: „Macht ist das Privileg, nicht lernen zu müssen.“ Ich pointiere das so: Macht ist die Möglichkeit, dumm bleiben zu dürfen.
Dann sind Sie also froh, dass wir in der aktuellen Krise von einer Kanzlerin Merkel und nicht von einem Kanzler Schröder regiert werden?
Nach allem, was ich höre, ist Merkels Führungsstil im Kabinett ein anderer als der von Gerhard Schröder. Nun ist das natürlich nicht das einzige, was zählt. Aber ich habe keinen Zweifel, dass in diesem Kabinett mehr Gleichberechtigung im Vorbringen von Argumenten herrscht als in dem davor.
Und was würde sich im Schloss Bellevue ändern, wenn dort eine Frau sitzt?
Ich möchte das nicht in der Frage der Änderung beantworten. Meine Reisen durch Deutschland haben das Ziel, erkennbar zu machen, wie ich das Amt gegebenenfalls führen würde, was meine Grundpositionen sind, welche Vorstellungen von dem Amt ich habe und wie ich diese umsetzen würde. Das können die Menschen gerne vergleichen, aber das ist nicht meine Aufgabe. Ich geh meinen Weg so, wie ich das für richtig halte. Ich habe mich noch nie danach gerichtet, dass ich mich von jemandem absetzen will.
Aber ich würde gerne, wenn ich gewählt werde, sehr schnell eine Konferenz einberufen, um mit führenden Managern ins Gespräch zu kommen. Nicht um sie anzuprangern. Es ist für viele Spitzenmanager schließlich schwer einzusehen, dass sie vor kurzer Zeit noch Helden waren und jetzt Schurken sein sollen. Ich habe keinen Anlass, das moralisch zu verurteilen. Für mich besteht die Möglichkeit des Amtes des Bundespräsidenten darin, an dieser Stelle mehr hinzuhören. Darin sehe ich auch die große Chance meiner Kandidatur: Die Autorität dieses Amtes mit meiner persönlichen zu verbinden.
Wie schwer ist es, gegen einen so populären Amtsinhaber wie Horst Köhler anzutreten? Im direkten Vergleich würden 70 Prozent der Deutschen Köhler wählen, nur 14 Prozent Gesine Schwan…
Da halte ich die Umfrage dagegen, dass 64 Prozent der Deutschen meine Kandidatur befürworten und ausdrücklich dagegen sind, dass ich sie zurückziehe. Auch 52 Prozent der Unionswähler haben sich vor kurzem für die Fortsetzung meiner Kandidatur ausgesprochen. Das wäre vor einigen Monaten noch nicht so gewesen. Die prinzipielle Legitimität des Wettbewerbs um ein Wahlamt wie dieses wird also anerkannt. Außerdem könnte ich mich nicht daran erinnern, dass es je Umfragen gegeben hätte, die einem amtierenden Bundespräsidenten nicht einen Sockel von 70 Prozent Zustimmung attestiert hätten. So ist das nun mal.
Haben Sie schon mit Heiner Brand gesprochen, den die NRW-SPD in die Bundesversammlung schickt, und der sich bisher nicht auf Sie festlegen will?
Ich respektiere, dass Personen des öffentlichen Lebens in die Bundesversammlung geschickt werden, um den Bundespräsidenten oder die Bundespräsidentin in geheimer Wahl zu bestimmen. Dies ist eine Persönlichkeitswahl, die keinen parteipolitischen Mustern folgt. Und ich finde es richtig, dass die SPD in diesem Geiste Personen aufstellt, die eigene Auffassungen vertreten und sich selbst ein genaues Bild machen wollen. Es gab bei einigen Mitgliedern der Bundesversammlung Unsicherheiten und den Wunsch, mich persönlich kennenzulernen, bevor man seine Entscheidung trifft.
Hat Heiner Brand diesen Wunsch geäußert?
Er hat mich zumindest nicht direkt danach gefragt.
Werden Sie das persönliche Gespräch suchen?
Das werden wir sehen. Wenn er den Wunsch zu dem Gespräch hat, wird es auf jeden Fall schnell stattfinden.
Wenn Sie am 23. Mai scheitern, werden Sie dann ein drittes Mal antreten?
Darüber mache ich mir jetzt wirklich keine Gedanken. Wer weiß, wie die Welt im Jahr 2014 aussieht.
Interview: Iris Mayer