Interview (HNA - 17.04.2009)
Sie touren seit Monaten durch Deutschland, merken Sie, dass die Stimmung sich angesichts der Krise verändert?
Die Gegenmaßnahmen der Regierung greifen bisher ja noch relativ gut, entsprechend ist mir bei der Mehrzahl der Menschen noch keine größere Nervosität begegnet. Noch bleiben Kummer und Zukunftsängste überwiegend im Privaten. Spürbar wird in der Krise aus meiner Sicht aber, wie groß die Kluft zwischen Armen und Reichen in diesem Land geworden ist.
Haben Sie Sorge vor einem Ausbruch des Volkszornes?
Ich möchte natürlich nicht, dass es Aufstände gibt. Aber die Menschen sollen auch nicht alles stumm ertragen. Am gefährlichsten ist Zorn, wenn er sich keine Luft schafft. Deshalb kommt es darauf an, dass an neuen Perspektiven gearbeitet wird und die dann auch wirklich eröffnet werden.
Was sollte anders gemacht werden?
Ich glaube, dass die aktuellen Maßnahmen aus den Konjunkturprogrammen ganz in Ordnung sind. Meine einzige Kritik ist, dass die Investitionen in Bildung mehr Einstellungen von Personal und weniger Sachinvestitionen vorsehen sollten. Das wäre ein wichtiges Signal auch für Zukunftsfähigkeit der Politik.
Darf ich ganz unverblümt fragen?
Ich bitte sogar darum.
Warum versuchen Sie es noch einmal, Bundespräsidentin zu werden?
Für mich ist das Engagement für Politik und Demokratie etwas sehr Existenzielles. Das Amt des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin bietet sehr viele Möglichkeiten, die Demokratie zu stärken. Was mich persönlich angeht: Ich habe es bisher noch immer geschafft, das Berufliche und das Politische mit der Freude am Leben zu verbinden. Und ich glaube auch, dass das notwendig ist, wenn man nicht fanatisch werden will.
2004 sind Sie gescheitert. Wie gehen Sie grundsätzlich mit Niederlagen um?
Also, 2004 habe ich überhaupt nicht als Niederlage empfunden. Es gab die treffende Formulierung: Gesine Schwan gewinnt und Horst Köhler wird Bundespräsident. Ich bin nach meiner ersten Kandidatur sehr gerne in meinen Beruf zurück gegangen. Und insgesamt hat mich das alles sehr positiv berührt.
Hat diese positive Lebenshaltung sie immer davor bewahrt, Geschehnisse als Niederlagen zu erleben?
Nein. Ich musste auch mit Niederlagen umgehen. Beruflich war es die gescheiterte Bewerbung um die Präsidentschaft der Freien Universität Berlin. Es war auch eine Niederlage, wenn auch keine, für die ich persönliche Verantwortung trage, den langen Tod meines Mannes mitzuerleben. Aber gerade diese sehr, sehr tiefe und langjährig nachwirkende Erfahrung hat meine Grundvorstellung aus meinem Glauben bestärkt, dass es der liebe Gott es letztlich besser weiß.
Haben Sie einen Satz für unsere Leser, der Mut macht?
Meine Erfahrung hat mit gezeigt, dass ich aus Niederlagen eher gestärkt hervor gegangen bin. Und dass ich sie in gute Wendungen wandeln konnte. Man sollte den Glauben an sich und an die Möglichkeiten des Lebens nicht verlieren.
Sie sind Sozialdemokratin und Katholikin, das ist etwas, was man gemeinhin nicht unbedingt zusammen bringt?
Für mich bestärkt sich das gegenseitig. Ich sage nicht, dass man als Christ Sozialdemokrat werden muss, aber man kann das durchaus. Mein Glaube ist der Glaube an einen gütigen Gott, der diese Welt zu einem Guten erschaffen hat und der auch uns Menschen als gleichwürdige Menschenkinder geschaffen hat. Und Gott hat uns zu einer partnerschaftlichen Mitschöpfung aufgerufen. Dass bedeutet, wir sind aufgerufen, daran mitzuwirken, dass alle Menschen ganz reale Chancen haben müssen in Würde und in Freiheit leben zu können. Insofern hängt mein Glaube ganz eng mit meinem politischen Engagement zusammen.
Beten Sie regelmäßig?
Ja.
Was würden Sie anders als Horst Köhler machen?
Ich formuliere meine Ziele nie dadurch, dass ich etwas anders machen will als andere, ich begründe sie aus sich selbst heraus. Das Amt des Bundespräsidenten hat eine kulturelle Macht, und die würde ich aufwerten. Durch meine Biografie denke ich, dass ich Fragen formulieren und Prozesse anstoßen kann, die vielleicht wichtiger sind, als Gesetze zu verabschieden. Und ich glaube, dass ich auch Menschen zurückholen kann, die sich von der Politik abgewendet haben. Ich würde auch sehr stark den europäischen Aspekt in die Amtsführung einbringen. Mein Ziel ist die Inklusion, das klingt etwas theoretisch, meint aber, die Menschen einzuschließen und zusammen zu bringen.
Immer wieder wird bemängelt, dass Deutschland keine Lichtgestalt wie Obama hat, könnten Sie diese Rolle einnehmen?
Das wäre glaube ich ein wenig anmaßend von mir, diese Frage zu beantworten.
Aber Sie stimmen zu, dass Deutschland eine solche Figur gut täte?
Ganz unabhängig von mir glaube ich, dass Obamas Fähigkeit, Menschen direkt anzusprechen, sehr wichtig ist. Seine Art zu strahlen hängt doch auch damit zusammen, dass er es ernst meint. Man spürt, dass er nach dem Studium in Harvard in die Sozialarbeit gegangen ist und dieses Sachengagement ihn davor schützt, zu verhärten und ihm eine gewisse Gelassenheit gibt. Menschen, haben einen Sinn dafür, ob ihr Gegenüber in erster Linie an den eigenen Ehrgeiz oder an die anderen denkt. Insofern glaube ich, dass Politik das gut gebrauchen kann und dass das Amt des Bundespräsidenten eine solche Grundhaltung gut verträgt.
Interview: Ines Pohl