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Interview (Mannheimer Morgen, 09.01.2009)

"Munter die Krise überwinden"

2004 sind Sie bei der Bewerbung um das Bundespräsidentenamt gescheitert - warum tun Sie sich jetzt den zweiten Versuch an?

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es selbstverständlich war, politische und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Die Idee, einfach zu privatisieren und das Gemeinwesen auszublenden, ist von meinem Lebensentwurf ganz weit weg. Deswegen würde ich auch nicht davon sprechen, dass ich mir etwas antue. Ich engagiere mich dort, wo sich das Feld dafür geöffnet hat und wo ich glaube, etwas zu bieten zu haben.

Die Chancen, dass Sie etwas bieten können, stehen allerdings schlecht - zumal wenn jetzt der CDU-Ministerpräsident Roland Koch in Hessen die Landtagswahl gewinnt, schwinden Ihre Stimmen in der Bundesversammlung.

Diejenigen, die meine Wahl nicht befürworten - und anders als vor fünf Jahren habe ich diesmal Gegner, die sich eindeutig äußern - behaupten gerne, dass die Wahl schon gelaufen sei. Das ist falsch. Tatsächlich gibt es kalkulierbare Chancen. Aber es muss gekämpft werden.

Diese klaren Gegner - wie äußern die sich?

Man stellt mich in eine Ecke, versucht mich mit Rote-Socken-Kampagnen in die Nähe des Kommunismus zu rücken. Das ist angesichts meiner Biografie doch absurd! Es zeigt aber auch, dass diesmal wirklich etwas auf dem Spiel steht. Es geht ja tatsächlich um die grundsätzliche Orientierung unserer Gesellschaft, auch wenn die Folie schwarz-gelb gegen rot-grün oder rot-rot-grün die Konfrontation zwischen den Lagern nur unzureichend wiedergibt.

Tatsache ist aber, dass Sie nur dann Bundespräsidentin werden, wenn die Linken in der Bundesversammlung für Sie stimmen.

Aber gibt es einen Grund, das nicht zu wollen? Ich jedenfalls habe damit keine Schwierigkeiten. Ich würde sogar ganz prinzipiell sagen, ich bin für alle wählbar, die meine demokratische Position akzeptieren. Die Linkspartei hat sicher auch ihre unschönen Seiten, für Feinde der Demokratie halte ich diese Partei aber ganz mehrheitlich nicht.

Was unterscheidet Sie vom jetzigen Bundespräsidenten Horst Köhler?

Unter anderem, dass ich eine Frau bin. Ich glaube, dass die weibliche Sozialisation zu anderem Verhalten einlädt als die männliche.

Inwiefern?

Die Prioritäten sind andere. Es ist nicht wichtig, unbedingt gegen jemanden zu gewinnen und Macht zu haben. Es ist wichtig, gemeinsam mit anderen Macht zu entwickeln und etwas zu bewirken.

Was tun Sie, wenn der Bundespräsident Ende Mai immer noch Horst Köhler heißt?

Ich sehe dem Ganzen gelassen entgegen. Es ist nicht gut, sich bei einer solchen Kandidatur in eine Alles-oder-Nichts-Situation zu steigern. Wichtig ist mir, dass ich den Rückhalt von Franz Müntefering, Frank-Walter Steinmeier und meiner Partei, der SPD, habe.

Was raten Sie den krisengeschüttelten Deutschen für dieses Jahr?

Traurig genug zu sein, wie es sich für eine Krise gehört, und munter genug, um diese Krise zu überwinden.

Und wie?

Wir müssen einen Weg finden zwischen einer Schockstarre und der Versuchung, sobald sich der Rauch der Einschläge verzogen hat, weiter zu machen wie bisher.

Gemacht werden jetzt vor allem Konjunkturprogramme.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Rahmen eines kurzfristigen Konjunkturprogramms allein ausreichend ist. Damit wird die Perspektive, Dinge anzukurbeln, die dauerhafter sind, ausgeblendet. Zum Beispiel in der Bildungspolitik. Hier genügt es nicht nur, Gebäude zu sanieren oder neu zu bauen. Was wir brauchen, ist mehr Personal, in Kindergärten, Schulen und Hochschulen.

Die aber kosten noch in zehn Jahren Geld, Gebäude oder Straßen sind irgendwann fertig gebaut.

Es ist zwar weniger riskant, wenn wir nur ein Sanierungs- oder Straßenbauprogramm machen, aber es ist vielleicht zukunftsversprechender, wenn wir dieses zusätzliche Risiko von Nachfolgekosten eingehen.

Interview: Stefanie Ball