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Bildung und Gerechtigkeit. Talentförderung statt Elitenbildung

Rede von Gesine Schwan auf dem 32. Evangelischen Kirchentag in Bremen am 21. Mai 2009.

Die 2. Hauptpodienreihe "Bildung und Erziehung" des Kirchentags stand unter dem Motto "Aufstieg durch Bildung?! Zwischen Leitbild und Lippenbekenntnis".

 

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der heutige Nachmittag steht unter der Frage, ob Bildung Aufstieg bewirkt, erleichtert oder zumindest ermöglicht. Über Jahrzehnte hinweg und bis in die Gegenwart haben viele Menschen gerade aus den ärmeren Schichten sich von Bildung einen beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg versprochen. Viele haben ihn auch gefunden. Der Ruf nach den Bildungsreformen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und vor allem die Forderung, mehr Arbeiterkinder an die Hochschulen zu bringen, brachte dies als ganz selbstverständliche Hoffnung zum Ausdruck.

 

Heute müssen wir erkennen, dass in Deutschland mehr Bildung nicht zu mehr Aufstieg geführt hat. Im Gegenteil: Der Anteil der Arbeiterkinder an den Universitäten und überhaupt in der höheren Bildung ist bei uns zurückgegangen. Gründe dafür gibt es natürlich viele. Einen wesentlichen sehe ich darin, dass in den letzten Jahrzehnten Bildung im Zuge ihrer Ökonomisierung immer weniger als Entwicklung der individuellen Persönlichkeit und ihrer Talente begriffen wurde. Stattdessen geriet sie unter den allgemeinen Imperativ einer entfesselten Konkurrenz, in der der Wettbewerb ungeprüft und unterschiedslos in allen Bereichen der Gesellschaft zum entscheidenden Motor und Maßstab von Leistung erklärt, geradezu vergöttert wurde.

 

Dementsprechend zielten die herrschenden bildungspolitischen Strategien auf die Förderung von Eliten, d. h. auf die Gewinner von Wettbewerben. Sie sollten sich in der nationalen und globalen Konkurrenz behaupten können und den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken. Nicht die Ermutigung unterschiedlicher Talente und die Anerkennung von deren prinzipieller Gleichrangigkeit, sondern ihre Nivellierung auf wenige meist intellektuelle Fähigkeiten, die man in den Wettbewerben abfragte, war die Folge. Wer hier nicht bestand, wurde zum Verlierer. Dass Kinder, denen akademische Bildung  nicht in die Wiege gelegt war – vielleicht aber Herzensbildung - und die auch nicht auf selbstverständliche finanzielle Unterstützung bauen konnten, hier eher auf der Seite der Verlierer landeten, ist nur zu plausibel.

 

Zwei Fragen stellen sich mir hier aus politisch-demokratischer und aus christlicher Sicht:

Wie verträgt sich die Konzentration auf die Elitenbildung mit  dem grundlegenden Ziel der Demokratie, die gleiche Würde aller Menschen lebbar und erlebbar zu machen? Wie mit dem demokratischen Postulat der Gerechtigkeit, d.h. der gleichen Chance auf ein selbstbestimmtes freies Leben?

Und zweitens:

Wie verträgt sich der Gedanke des Aufstiegs durch Bildung und der Förderung von Eliten mit dem christlichen Verständnis der gleichen Gotteskindschaft aller Menschen?

Sie merken: Ich sehe ein Spannungsverhältnis zwischen den Forderungen nach Elite und gesellschaftlichem Aufstieg, der ja die Dauerhaftigkeit von „oben“ und „unten“ voraussetzt, auf der einen Seite und dem demokratischen wie dem christlichen Verständnis von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen, ihres gleichen Anspruchs auf Freiheit und Würde und der Entwicklung ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten andererseits. Auf der einen Seite steht die Hierarchie der sozialen Ränge bei Gleichmacherei der abgefragten Talente, auf der anderen Seite Gleichrangigkeit der Menschen und der sozialen Stellungen bei Vielfalt der anerkannten Talente. Um es vorweg zu sagen: Aus demokratischer Überzeugung wie aus meinem christlichen Glauben heraus plädiere ich für die zweite Option: die Gleichrangigkeit der Menschen in ihren sozialen und beruflichen Stellungen mit der Vielfalt ihrer Talente.

Wie verträgt sich nun das grundlegende Postulat demokratischer Gleichheit mit der Bildung von Eliten?

Wer heute für Eliten plädiert, denkt natürlich nicht an Privilegien der Geburt, sondern an Führungsgruppen, die sich aus ihrer Leistung legitimieren. Demnach käme jedem der Rang zu, den er seiner individuellen Leistung gemäß verdient. Es gibt eben Bessere und Schlechtere, so sagt man, begabtere und weniger begabte Menschen. Dabei wird unterstellt, dass es ein klares und unstrittiges Maß gibt, wodurch man die Besseren von den Schlechteren unterscheidet und dass in der Rangfolge der gesellschaftlichen Positionen Leistung und Position übereinstimmen.

 

Die Krise, die wir gerade erleben, hat diese Grundannahmen gründlich durcheinander gebracht.  Zu Recht. Denn bei genauem Hinsehen gibt es keine fraglose Bewertung unterschiedlicher Begabungen. Sie folgt ihrerseits aus Vorstellungen, die sich historisch und kulturell wandeln und daher umstritten sind. Genies wie Mozart galten zu ihrer Zeit weit weniger, als die Grafen, von deren Gunst ihr Lebensunterhalt abhing. Viele Manager, die gegenwärtig wiederum öffentlich und leider undifferenziert verurteilt werden, stammen aus hoch gepriesenen Eliteschulen mit höchst anerkannten Wettbewerbsergebnissen und Examensnoten. Offenbar wurde da der verantwortliche Umgang mit Derivaten nicht unterrichtet oder in die Wettbewerbskriterien aufgenommen. Wie soll man auch Verantwortungssinn oder Nachdenklichkeit in einem Punktewettbewerb messen?

Elitedenken fördert die soziale Hierarchie und nivelliert im Wettbewerb die wertvolle Vielfalt der Talente. Stattdessen brauchen wir eben diese Talentvielfalt und die soziale Gleichwertigkeit der Menschen in ihren Berufen. Dafür plädiere ich sowohl aus meiner demokratischen Überzeugung als auch aus meinem christlichen Glauben.

Was in der Bildung wichtig ist, welche Leistung man besonders hoch bewerten soll, das wurde bei uns lange nicht mehr öffentlich diskutiert, sondern eben dem Ausgang von Wettbewerben überlassen, dessen Maßstäbe angeblich selbstverständlich waren. Man war in der Beurteilung unter sich. Die Exzellenzinitiative der Hochschulen ist ein Paradebeispiel dafür. Erst nach zwei Durchläufen beginnt nun eine öffentliche Diskussion darüber, was denn eigentlich „exzellent“ sei und woran man das denn messen könne. Ich halte das für blamabel. Gehört die Wirtschaftsnähe einer Forschung dazu? Oder sollte gerade die kritische Distanz zur Wirtschaft, überhaupt zur Gesellschaft ein wichtiges Kriterium sein? Was ist wichtiger: Arbeitsplätze schaffen oder Urteilsfähigkeit? Beides muss sich nicht ausschließen. Und Arbeitsplätze schaffen ist natürlich wichtig. Aber nicht auf Kosten kritischer Distanz. Mir geht es darum, dass wir uns über die verschiedenen Ziele streiten und verständigen müssen. Auch über deren Gewichtung.

Das verlangt Wachsamkeit gegenüber jeder Verfestigung von gesellschaftlichen Positionen, d.h. gegenüber jeder Elitenbildung. Die Konzentration auf die Förderung von Eliten aber unterbindet diese Wachsamkeit, weil sie so tut, als verstünden sich alle Maßstäbe von selbst.

Damit stärkt sie die allgemeine Tendenz aller Leistungseliten, sich in Privilegierte zu verwandeln, die mit Demokratie und Gerechtigkeit, also mit wirklicher Chancengleichheit aller Bürger für ein freiheitliches Leben nicht mehr vereinbar sind. In Art. 2 unseres jetzt so oft und zu Recht gefeierten Grundgesetzes heißt es: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit…“ Von der Verwirklichung dieses gleichen Rechtes sind wir zur Zeit weit entfernt. Eine gleiche Chance auf Bildung als Voraussetzung dieses Rechtes haben unsere Bürger nicht.

 

Wir müssen also, und wir können auch umsteuern. An die Stelle der Fixierung auf Eliten, sollten wir durchaus auf Spitzenleistungen setzen. Aber das Maß dieser Spitzen sind nicht gedankenlos propagierte Wettbewerbe, bei denen ganz verschiedene Individuen auf eine besondere Leistung hin verglichen und damit in ihrer Verschiedenheit und ihren eigenen, womöglich davon abweichenden Leistungen gar nicht gewürdigt werden können, sondern mehrheitlich als Verlierer ausgehen. In meinem Verständnis von Spitzenleistung ist das Maß  das Potenzial jedes einzelnen, das er entwickeln soll, dessen  Verwirklichung ihn stärkt, freut und motiviert, und für das er in der Gesellschaft eine möglichst geeignete Betätigung finden können soll. Die Vielfalt der Talente ist dabei für die Gesellschaft ein Glück, man stelle sich mal vor, sie bestünde nur aus Professoren…

Die Bayrische Grundschullehrerin Sabine Czerny hat uns für dieses Bildungsverständnis ein Beispiel gegeben. Sie hat ihre Schülerinnen und Schüler nicht nach einheitlichen Kriterien benotet, sondern nach dem Lernfortschritt, den sie gemessen an ihren vorangegangenen Leistungen erbracht haben. Zum Entsetzen derer, die eine sog. Normalverteilung von guten und schlechten Noten für selbstverständlich halten und möglichst viele schlechte Noten als Zeichen von hervorragendem, eben elitärem Anspruch sehen (durch den man als elitäre Schule glänzen kann), haben ihre Schüler viele gute Noten bekommen. Diese Art der  Beurteilung hat ihnen nämlich die Angst genommen, sie ermutigt und zu hohen Leistungen angespornt. Als Reaktion auf dieses Ergebnis sollte die Lehrerin von der Schule gewiesen werden, weil sie angeblich deren Ruf minderte. Aber sie hat ihre Vorgesetzten von der Zukunftsträchtigkeit ihrer Beurteilungsmethode überzeugt und konnte bleiben. Standfestigkeit und Zivilcourage haben sich bewährt. Frau Czerny ist die Lehrerin der Zukunft. Mit der Förderung der vielfältigen Talente ist sie den Kindern gerecht geworden, hat ihnen die Angst vor dem Versagen genommen  und sie gerade dadurch zu höchsten Bildungsanstrengungen bewegt.

Deshalb hilft Gerechtigkeit, die Vielfalt der Talente, das ganze Potenzial unserer Gesellschaft zu heben. Sie tut damit den einzelnen Menschen ebenso wie auch unserer Gesellschaft den besten Dienst.

 

Und wie verträgt sich der Gedanke des Aufstiegs durch Bildung und der Förderung von Eliten mit dem christlichen Verständnis der gleichen Gotteskindschaft aller Menschen?

So positiv der Gedanke des Aufstiegs gemeint ist, er setzt doch eine Gesellschaft voraus, in der es weiterhin ein „oben“ und „unten“ gibt. Individuell kann man sich zwar von „unten“ hocharbeiten, aber andere bleiben unten. Ich finde, dass eine derartige dauerhafte Hierarchie des menschlichen Zusammenlebens dem christlichen Gedanken, dass wir alle Kinder desselben Gottes und in dieser Geschwisterlichkeit gleichrangig sind, entgegensteht. Auch den immer erneuten Ermahnungen im Evangelium, die innerweltliche Rangfolge nicht als das einfach „Richtige“ hinzunehmen, sondern an Gottes andere Ordnung zu erinnern: Die Letzten werden die Ersten sein. Auch dem Evangelium der Talente, in dem es auf die kreative und bekömmliche Entfaltung der je eigenen Fähigkeiten ankommt, nicht auf deren gleichmacherische Handhabung. Schließlich auch dem Gedanken des gegenseitigen Dienens, der in der Fußwaschung am Gründonnerstag besonders deutlich vor Augen geführt wird.

Es ist schon richtig: In unserer Welt bilden sich immer wieder soziale Hierarchien heraus, weil Begabung, ererbter Reichtum oder Rücksichtslosigkeit Macht mit sich bringen und man diese Macht festigen will. Aber Macht führt auch immer wieder zu Missbrauch, kehrt sich sogar häufig gegen die Machtinhaber, weil sie meinen, sich auf ihr ausruhen zu können. Der berühmte aus Böhmen vor den Nationalsozialisten geflohene Politikwissenschaftler aus Harvard, Karl Deutsch, hat Macht einmal als die Möglichkeit  definiert, nicht lernen zu müssen, man könnte auch sagen: dumm zu bleiben. Jedenfalls wird die Botschaft Jesu, eben aus der Kenntnis der Verführungsgefahren durch Macht, nicht müde, uns darauf hinzuweisen, dass die innerweltlich Ordnung nicht die eigentliche ist, nach der wir uns richten sollen. Und auch wenn wir nicht das Himmelreich auf Erden schaffen können, ist uns doch aufgetragen, auf Erden wenigstens so viel wie möglich dessen zu verwirklichen, was Gott für uns von seinem Himmelreich erkennen lässt.

Für die Gestalt der Gesellschaft heißt dies, dass wir – ganz gemäß dem Versprechen der Demokratie – die gleiche Würde der Menschen auch subjektiv erfahrbar verwirklichen sollen, nicht einfach als eine abstrakte Konstruktion, die wir an Feiertagen öffentlich vortragen. Wenn uns also die letzten Jahrzehnte enttäuscht haben und Aufstieg durch Bildung nicht gelungen ist, dann dürfen wir nicht, wie ein wohlbestallter Professor dies kürzlich nahelegte, einfach das Gerechtigkeitsgebot aufgeben, weil es zu schwierig sei.  Vielmehr sollten wir unsere Vorstellung von einer gelungenen Gesellschaft und einem „guten Leben“ wegbewegen von der Idee des „Aufstiegs“ hin zum Leitbild der „Teilhabe“.

 

Teilhaber können und sollen wir alle sein auf gleichrangige Weise, nämlich daran, Gottes Schöpfung in eigener Verantwortung seiner Weisung gemäß fortzuentwickeln: der Altenpfleger, der durch seine Zuwendung einem Menschen wieder Mut zum Leben gibt, die einfallsreiche Ingenieurin, die mit anderen an einem energiesparenden Motor arbeitet, der Stadtplaner, der familiengerechtes Wohnen ermöglicht, die Politikerin, die dafür gute Gesetze vorbereitet, der Verkäufer, der eine Kundin vor Schrott bewahrt, die Kindergärtnerin, die psychologisch gut ausgebildet, Kindern zu einem besseren Start ins Leben verhilft, auch der Banker, der sorgfältig der Wirtschaft Kredite vermittelt, damit sie investieren kann.

Welche Art von Bildung hilft ihnen bei dieser Teilhabe an der Gesellschaft? Nicht diejenige, die sie dazu reizen will, überall erster zu sein. Sondern eine Bildung, die Kinder darin stärkt, ihren eigenen Weg zur Entfaltung ihrer Talente und zur Verantwortung am Gemeinwesen zu finden und zu verfolgen, ebenso wie für ein sinnvolles Dasein, für ihre dienende Mitarbeit an Gottes Schöpfung.

Deshalb bietet das Evangelium auch einen wegweisenden Rat, um gemeinsam aus unserer gegenwärtigen Krise zu kommen, die schon lange keine rein wirtschaftliche, gar finanztechnische mehr ist, sondern eine unserer fundamentalen Wertordnung. Hören wir auf, unsere eigenen Zukunftsängste auf unsere Kinder zu übertragen, hören wir auf, sie von frühester Kindheit an in Wettbewerbe zu schicken und in die Angst zu verlieren, überlassen wir die Gestaltung unseres Lebens, unserer Bildung nicht weiter einer blinden Konkurrenz, die uns angeblich fit macht für einen Weltmarkt, der im  Bereich der Finanzen gerade an der daraus folgenden strukturellen Verantwortungslosigkeit zusammenzubrechen droht.

Nicht Aufstieg durch Bildung, sondern Teilhabe durch eine Bildung, die jedem die Chance bietet, seine Fähigkeiten und Stärken zu fördern, mit seinen Talenten zu wuchern, seine Persönlichkeit zur Verantwortung für unser Gemeinwesen zu entwickeln, mit Freude an der Zusammenarbeit im Weinberg des Herrn und an der Würde der anderen, die unsere eigene Würde spiegelt. Jesus kannte uns Menschen gut, seine Wegweisungen sind mit dem Verweis auf das Jenseits als eigentliche Ordnung doch auf Erden nicht jenseitig. Als Lippenbekenntnis taugen sie nicht, als Leitbild schenken sie uns Vertrauen und Kraft. Darauf können wir alle gemeinsam bauen!