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Demokratiereise: Arbeit, Anerkennung, Zusammenhalt.

Gesine Schwan

Gesine Schwan in Essen (Foto: FES)

In ihrer vierten Grundsatzrede im Rahmen der Demokratiereise stellt Gesine Schwan die Frage: Wollen wir unser Leben mit einem Grundbestand an Gerechtigkeit und Solidarität frei bestimmen oder uns einer blinden kapitalistischen Konkurrenzdynamik unterwerfen? Sie fordert Tranzparenz und Nachhaltigkeit der Märkte, eine Umgestaltung der Arbeitswelten, die vom Menschen her gedacht wird, und die Stärkung des Zusammenhaltes der Gesellschaft.

I. Einleitung

Im Februar 2007 erschien eine aufrüttelnde Meldung in der Presse: „Die Angestellten des Technocentre von Renault stehen unter Schock. Sie erfuhren am Dienstag, dass sich einer ihrer Kollegen, ein 38-jähriger Ingenieur, am Freitag in seiner Wohnung erhängt hat. Er arbeitete an dem neuen Modell Laguna, das im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll. Dies ist bereits der dritte Angestellte des Technocentres, der sich innerhalb der letzten vier Monate umgebracht hat, und sogar der fünfte in zweieinhalb Jahren. Die Staatsanwaltschaft von Versailles hat nun staatsanwaltliche Ermittlungen aufgenommen. Gegenstand der Untersuchungen sind dabei nicht die direkten Todesumstände des Angestellten, sondern seine Arbeitsbedingungen.“ (telepolis vom 3.2.07).

 

Der Arbeitsforscher Dieter Sauer berichtet von einem Abschiedsbrief des französischen Ingenieurs an seine Familie, in dem er schreibt, er sei „nicht mehr fähig, diese Arbeit zu machen“. Die französische Gewerkschaft CGT hält dies nur für die Spitze des Eisbergs und berichtet von massenhaften Schlafstörungen, Weinkrämpfen, Depressionen, Einnahmen von Beruhigungsmitteln in der Entwicklungsabteilung des Automobil-Herstellers. Sie stünden im Kontext eines Dreijahresplans der Renault-Geschäftsführung, demzufolge sie bis 2009 26 neue Modelle präsentieren und Umsatz wie Gewinnmarge verdoppeln wolle.

 

Mein heutiges Thema zeichnet einen Zusammenhang zwischen Arbeit, Anerkennung und dem Zusammenhalt der Gesellschaft. Ich behaupte: Wie in anderen aktuellen Herausforderungen stehen wir gegenwärtig vor der Wahl zwischen Freiheit und Unterwerfung. Entweder wir besinnen uns darauf, gemeinsam und mit einem Grundbestand an Gerechtigkeit und Solidarität unser Leben frei zu bestimmen oder wir unterwerfen uns einer blinden kapitalistischen Konkurrenzdynamik, laufen unbedacht und wie die Lemminge mit in einem Treiben, wo jeder nur für sich versucht, seine Haut zu retten und das uns alle an den Rand des Abgrunds bringt. Nur in der gemeinsamen Anstrengung, die Freiheit über unsere Lebensgestaltung zurück zu gewinnen, können wir erfolgversprechend unsere Angst überwinden. Darauf kommt es mir an.

II. Zur Diagnose der gegenwärtigen Situation der Arbeit

Die rasante Zunahme psychischer Erkrankungen hat auch in Deutschland beunruhigende Schlagzeilen gemacht. Zuletzt aus Krankenkassenberichten, aber zuvor schon vom Chefarzt der Allianz-Lebensversicherung, der in den Statistiken zur Berufsunfähigkeit einen „fundamentalen Wandel“ festgestellt hat: In den letzten 18 Jahren sind psychische Erkrankungen an die Spitze gerückt, vor Herz- und Krebserkrankungen.

 

Der Gesundheitsreport der Deutschen Angestellten-Krankenkasse von 2005 nennt Arbeitsbelastung, Verlust der Mitarbeitersolidarität, Angst und steigenden Leistungsdruck als wichtigste Faktoren, die psychisch krank machen. Hier handelt es sich um Menschen, die Arbeit haben. Die Krise des Finanzmarktes, die sich zur Wirtschaftskrise ausweitet, hat nun aber die Arbeitslosigkeit auch in Deutschland nach einer beachtlichen Erholung auf dem Arbeitsmarkt wieder erheblich ansteigen lassen. Zur Angst in der Arbeit kommt also die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust.

Wie steht es heute mit der Arbeit in Deutschland? Welche Gestalt hat sie? Bietet sie den Menschen Auskommen und Sinn? Die Zeit der siebziger Jahre, in denen man mit Optimismus an der Humanisierung der Arbeitswelt arbeitete, ist lange vorbei. Damals ging man gegen die sog. „Taylorisierung“, d.h. die Zerstückelung der Arbeitsvorgänge an, die die Menschen zugleich über- und unterforderte und ihnen die Möglichkeit nahm, ihre Arbeit als erkennbaren Teil eines sinnvollen Ganzen wahrzunehmen. Mitbestimmung im Unternehmen wie am Arbeitsplatz, Sternmontage, selbstbestimmte Teamarbeit und ähnliches gehörten zu den Gegenstrategien. Heute, da man einen neuen Anlauf zurr Humanisierung macht, hat sich die Arbeitssituation sehr geändert. „Die gegenwärtige Situation“, so Dieter Sauer, „ist geprägt durch das Nebeneinander von Menschen ohne Arbeit, die an den gesellschaftlichen Rand gedrängt sind, und Menschen, die ‚ohne Ende arbeiten‘ und deren Gesundheit Schaden nimmt.“

Selbst für diejenigen, deren Arbeit einigermaßen sicher ist, haben die Belastungen deutlich zugenommen. Sofern sie zur Gruppe der eher privilegierten Entscheider, Erfinder, Ausführenden mit wichtigem Know-how oder der gut qualifizierten Facharbeiter gehören, haben sie zwar den Vorteil, über ihre Tätigkeit weitgehend selbst bestimmen zu können. Aber der für alle in den letzten Jahren enorm angestiegene weltweite Konkurrenzdruck führt dazu, dass sie sich in der Angst, ihren Aufgaben nicht gewachsen zu sein, selbst ausbeuten und ihr eben häufig erliegen. Dies scheint bei den Suiziden bei Renault der Fall gewesen zu sein. Diese Menschen werden zudem als gesamte Person so aufgefressen von ihrer Arbeit, dass sie zur Freizeit, zur Pflege persönlicher Beziehungen, gar zum Aufbau einer partnerschaftlichen Familie kaum Zeit finden. Gerade dieser letzte Aspekt ist für unser heutiges Thema, insbesondere für den Zusammenhalt von zentraler Bedeutung. Ich komme darauf zurück.

Ein großer weiterer Teil der Arbeitnehmer wird neuerdings zum sog. Prekariat gezählt. Sie arbeiten in prekären d.h. überaus unsicheren Verhältnissen, in denen ihnen Entlassung oder sozialer Abstieg droht. Die Löhne sind niedrig, die Qualifikationsanforderungen gering. Deshalb sind sie leicht ersetzbar. Die Anerkennung durch Arbeit bleibt bei ihnen aus. Das ist durchaus dramatisch, da Arbeit früher wie heute eine der wichtigsten Quellen menschlichen Selbstwertgefühls ist. Bei den  prekären Arbeitsverhältnissen gibt es zuweilen, jedenfalls in der Industrieproduktion, eine erneut intensivierte Taylorisierung, die Arbeitsgänge werden klein gehalten und dicht getaktet. Es ist schwer, die Zahl dieser Arbeitnehmer zu bestimmen, zwischen drei und sechs Millionen in Deutschland schätzt sie Michael Schumann.

 

Und schließlich die Arbeitslosen, deren Zahl nun infolge der Finanzmarktkrise wieder steigt. Angesichts dessen steht unser Staat unter der Erwartung, möglichst viele Arbeitsplätze zu retten. Deshalb wurden schon Milliarden in die Stabilisierung des Bankensektors gesteckt, um der Realwirtschaft wieder aufzuhelfen. Während die Armen noch ärmer geworden sind und die Hartz-IV-Sätze aus Haushaltsgründen nicht aufgestockt werden sollen, gehen hier Riesen-Summen an private Institutionen, die sich offenbar verrechnet haben. Um zu akzeptieren, dass hier ein größeres Übel abgewendet werden musste, braucht man überzeugende Gründe. Wo nun darüber hinaus in der Realwirtschaft geholfen werden kann und soll, ist umstritten. Der Staat kann sicher nicht überall helfen, würde bei Zahlungsunfähigkeit auch noch das zuletzt wieder in ihn gesetzte Vertrauen verspielen und zudem Wettbewerbs- und Gerechtigkeitserwartungen verletzten. Warum die Großen retten und die mittelständischen draufgehen lassen, an denen auch viele Arbeitsplätze hängen und die oft innovativer sind? Andererseits können ganze Räume veröden, wenn riesen Arbeitslosenlöcher in sie gerissen werden.

Für die Politik ist es leichter gesagt als getan, massenweisen Entlassungen einfach zuzusehen, wegen der menschlichen Schicksale und weil der Staat die wesentlichen Folgekosten von Entlassungen zu tragen hat. Unternehmen sind eben nicht einfach Orte, an denen Kapital gewinnträchtig investiert werden kann, sondern auch Orte, an denen Menschen leben und arbeiten, von denen sie abhängen, in ihrer Arbeit und mit ihrer Gemeinde. Im Scheitern tragen die Menschen das Risiko ebenso wie das Kapital. Deshalb hegen sie vielfach die langfristigeren Interessen, deshalb müssen sie im Unternehmen mitbestimmen. Damit tun sich gerade mittelständische Unternehmen oft schwer, obwohl gerade sie selbst auch von langfristigen Interessen geleitet werden, so dass ein Zusammengehen eigentlich erleichtert sein sollte. Manchmal braucht es einfach eine Eingewöhnung in eine erfolgreiche gemeinsame Praxis, um sie zu akzeptieren.

Besonders wichtig erscheint mir in der gegenwärtigen Angst vor Rezession und erneuter Arbeitslosigkeit, dass die Ausbildungsstellen im vorhandenen Umfang erhalten bleiben. Denn wenn junge Menschen nach der Schule ohne Ausbildung bleiben, haben sie eine noch geringere Aussicht darauf, später wieder Arbeit zu finden. Daher meine dringende Bitte an die Unternehmen: Bitte kündigen Sie die Ausbildungszusagen nicht auf!

Die Sorge, bald zu den Arbeitslosen zu gehören, bedrückt viele Menschen umso mehr, als es Erfahrungen mit Dauerarbeitslosigkeit in Deutschland gibt, die zeigen, wie schwer es ist, hier wieder herauszukommen.

In den vergangenen Jahren sollte die Leiharbeit dem abhelfen und dazu dienen, den Unternehmen angesichts ihrer Planungsunsicherheit Flexibilität zu gewähren. Eine Absicht, die bei einem kleineren Prozentsatz immerhin Erfolg hatten. Er gründete sich auf den Befund, dass es trotz Arbeitslosigkeit eine erhebliche Zahl von offenen Stellen gab und gibt, die durch gezielte professionelle Beratung, Weiterbildung und Flexibilisierung besetzt werden können, um wenigstens einen Teil der Arbeitslosen auf diesem Wege wieder zu Arbeit zu verhelfen. Es ist dabei gelungen, den Anteil der über 50-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Freilich bot sich mit der Leiharbeit auch die Möglichkeit, sozial gesicherte Arbeit schleichend in Risikojobs zu verwandeln und damit die Arbeitnehmer systematisch schlechter zu stellen. Dem musste unbedingt entgegengewirkt werden durch Mindestlöhne, aber auch durch eine tendenzielle soziale Gleichstellung von normalen Arbeitsverträgen und Leiharbeitern, bei der dann der Staat einen Teil des Risikos übernimmt. Aktuell ist es wichtig, dass Leiharbeitsfirmen von der neuen Chance der Kurzarbeit und von Weiterbildungsmöglichkeiten Gebrauch machen, anstatt ihre Leiharbeiter einfach zu entlassen!

 

Die Situation der Arbeit und der Arbeitslosen stößt uns auf die zunehmenden Gegensätze zwischen arm und reich, nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, sondern auch zwischen der industriellen und der sich entwickelnden Welt. Fachleute weisen übereinstimmend darauf hin, dass die Aufblähung des ungeregelten Finanzmarkts auch das Ergebnis dieser Gegensätze ist, weil die Kaufkraft der Ärmeren insgesamt nicht mehr dazu ausreicht, das frei gewordene Kapital in der Realwirtschaft produktiv und mit Aussicht auf Absatz anzulegen. Nicht nur um der Würde der Individuen und der Gerechtigkeit als ihres Rechts auf gleiche Freiheit willen ist es deshalb geboten, dagegen zu steuern und aus der Armut zu befreien, sondern auch aus makroökonomischen Gründen. Wir dürfen deshalb die aktuelle Krise nicht nur als Betriebsunfall betrachten, nach dem wir so weiter machen können wie bisher. Ich deute sie als einen weit reichenden Einbruch in unsere bisherige Lebens- und Wirtschaftsweise, der einen neuen Anlauf zur Gestaltung der globalisierten kapitalistischen Marktwirtschaft dringend erfordert. Darin liegt gerade die Chance der Krise, die wir unbedingt ergreifen müssen. Besonders dramatisch ist in Deutschland die Kinderarmut. Die Hälfte aller Kinder lebt in finanziell unsicheren Verhältnissen, 37 % der drei Millionen Sozialhilfeempfänger/innen sind Kinder und Jugendliche, besonders hoch ist das Armutsrisiko von Frauen als allein erziehenden Müttern.

Schließlich: Nach wie vor erhalten Frauen erheblich weniger Lohn als Männer, nicht nur weil sie vielfach in niedriger entlohnten Berufen arbeiten. Selbst bei gleicher Arbeit gehen sie oft mit weniger nach Hause. Der 8. März als Internationaler Frauentag ist nicht der einzige, aber ein besonders wichtiger Tag, um diese unerträgliche Ungerechtigkeit anzuprangern. Übrigens hat in der OECD-Welt Deutschland besonders krasse Einkommensunterschiede . Hier zeigt sich überdies eine der vielen gegenwärtigen Ungleichzeitigkeiten, wenn man sich klar macht, dass die weibliche Lebensweise und Arbeitskompetenz, die Fähigkeit der Frauen, flexible verschiedene Tätigkeiten kompetent auszuführen, mit Blick auf die gelingende Zukunft einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft ein entscheidendes Pfund ist, mit dem wir gemeinsam wuchern müssen. Auch darauf komme ich zurück.

Woher kommt neben der Arbeitslosigkeit die allgemeine Verschlechterung der Arbeit selbst in den entwickelten Industriestaaten? Manche sagen, wir hätten früher über unsere Verhältnisse gelebt. Sie deuten die Globalisierung so, dass nun die Entwicklungsländer ihre Chance bekämen und wir dazu eben von unserem Kuchen abgeben müssten. Dabei fällt allerdings auf, dass nur die unteren Einkommensgruppen abgegeben haben, die Ärmeren sind noch ärmer geworden. Die Reicheren, auch bei uns, dagegen erheblich reicher. Sie mussten nicht von ihrem Kuchen abgeben. Im Gegenteil. Die Gewinne sind vor Ausbruch der jetzigen Krise drastisch gewachsen, während die Realeinkommen jahrelang stagnierten bzw. sogar rückläufig waren. So haben die 30 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands ihre Gewinne 2004 auf 35,7 Milliarden Euro verdoppelt. Dennoch haben sie in Deutschland gemeinsam knapp 35.000 Stellen abgebaut.

 

Überdies sind die Forderungen, errungene Löhne und Sozialleistungen abzubauen, um in den entwickelten Wirtschaften „konkurrenzfähig zu bleiben“, nicht nur perspektivlos, weil diese eine Billigpreiskonkurrenz z. B. mit Südostasien nicht gewinnen können. Die Forderungen können auch dann jedenfalls nicht überzeugen, wenn gleichzeitig von Unternehmern aus der ersten Welt in Billiglohnländern wie China der Versuch unternommen wird, über dortige Industrie- und Handelskammern bessere soziale Sicherungen und höhere Löhne in China ebenfalls zu verhindern und mit dem Weiterziehen nach Indien zu drohen. Hier geht es also gar nicht um Gerechtigkeit zwischen entwickelten und nachholenden Ländern, sondern um kurzfristige Gewinnmaximierung, die ein kluger Unternehmer immer zugunsten einer soliden langfristigen Entwicklung als zu engstirnig ablehnen wird. Wenn man aber auf dem Wege der kurzfristigen und kurzsichtigen Gewinnmaximierung fortfährt, wächst die Diskrepanz zwischen Gewinnen und Entlohnungen so, dass Gewinne schließlich nicht mehr produktiv angelegt werden können, weil es nicht mehr genug Nachfrage, nicht mehr genug Kaufkraft für die Produkte gibt. Die Prognose von Karl Marx, dass einer kleinen Gruppe von Kapitalisten am Ende einer solchen naturwüchsigen Konkurrenz und Gewinnstrategie ein Heer von Armen, eine riesige proletarische Reservearmee gegenüberstehen würde, könnte sich als richtiger herausstellen, als wir wünschen können. Denn das revolutionäre Szenario und die utopischen Zukunftsvorstellungen, die Marx seiner Vorhersage hat folgen lassen, bieten wirklich keine wünschenswerte oder auch nur erträgliche Alternative.

Viel spricht dafür, dass die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen nicht die Folge einer weltweiten „ausgleichenden Gerechtigkeit“, sondern das Ergebnis eines Handels- und vor allem eines Finanzmarktes ohne Regeln ist, auf dem der Dynamik der Gewinnmaximierung zu wenig entgegengesetzt worden ist, was zur Humanisierung des globalen ökonomischen Wettbewerbs, insgesamt zu einer freiheitlichen und gerechten Gestaltung unseres Lebens hätte führen können. Es fällt auf, dass die oben geschilderte Verstärkung der psychischen Erkrankungen zeitlich mit der Liberalisierung der Märkte parallel ging, die sich innerbetrieblich auswirkte: In den Vorständen der großen Unternehmen gewannen die Finanzvorstände gegenüber den Produktions- und den Personalvorständen die Oberhand. Leistungen wurden strikt vom Marktergebnis her definiert, nicht von Maßstäben der Produktion, nicht von den technischen und organisatorischen Bedingungen der Nutzung von menschlicher Arbeit her.

Das führte zu einer nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für andere Bereiche wie Kultur, Wissenschaft und Bildung oder Gesundheit entscheidenden Umdeutung von Leistung: Ihr Wert, ja ihre Machbarkeit ergeben sich neuerdings nicht mehr aus reflektierten Kriterien der verschiedenen Sachgebiete bzw. aus dem, was Menschen überhaupt vermögen, sondern aus dem Ergebnis auf dem Markt. Dies steht als Forderung am Anfang, koppelt sich damit von dem, was Menschen bewusst wollen oder auch nur können, ab und verliert so den Bezug zur Realität: sei es einzelner gesellschaftlicher Bereiche, sei es ganz generell der Menschen. Wenn das Marktziel dann stärker ist, müssen eben die Menschen weichen, auch durch Selbstauslöschung, auch durch Selbstmord.

 

Die Zuspitzung auf den Selbstmord zeigt die zerstörerische Kraft einer Logik, die auch im Zusammenbruch des Finanzmarktes ihr Desaster erlebt hat und Millionen von Menschen in schwere Bedrängnis bringt. Die Logik heißt blinde Unterwerfung unter ein anonymes Marktgeschehen, ohne Regeln und ohne politische Gestaltung. Auch hier stehen wir wie in anderen aktuellen Herausforderungen vor der Frage: Freiheit oder Unterwerfung. Entweder wir laufen unbedacht und wie die Lemminge mit in einem Treiben, wo jeder nur für sich versucht, seine Haut zu retten und das uns alle an den Rand des Abgrunds bringt, oder wir besinnen uns darauf, gemeinsam und mit einem Grundbestand an Gerechtigkeit und Solidarität unser Leben frei zu bestimmen.

Das wird am Zusammenhang, den unser Thema zeichnet und den ich zu Beginn meiner Rede als These genannt habe, deutlich: Es gibt eine gegenseitige Abhängigkeit von Arbeit, Anerkennung und Zusammenhalt der Gesellschaft.

Wir haben mit der Arbeit aus unserer heutigen Erfahrung begonnen. Obwohl Arbeit nicht für alle Zeiten und Kulturen das gleiche bedeutet, können wir heute zumindest sagen, dass sie weltweit als unverzichtbare Grundlage für unser Leben verstanden wird und dass sie von der Arbeitsteilung – umgekehrt auch von der Zusammenarbeit – nicht zu trennen ist. In der westlichen Tradition ist sie seit der Neuzeit zunehmend zur Grundlage dafür geworden, was Menschen ihr Eigentum und die Grundlage für ihre freie Verfügung nennen, über sich selbst und abgeleitet auch über Sachen. Der Lohn, den ich mir erarbeitet habe, darf mir nicht weggenommen werden. Das Bild, das ich gezeichnet habe, gehört mir. In dem, was ich tue, bringe ich mich zum Ausdruck, und wenn ich das nicht mehr kann, weil ich den ganzen Tag immer nur drei Hebel bediene, was mich todmüde, aber zugleich zu einer geistlosen Maschine macht, dann werde ich unglücklich.

Arbeit geschieht in größeren Sinn-Zusammenhängen, auf die hin sie bedacht werden muss. Die Produktion von Einzelteilen hat nur Sinn, wenn daraus ein funktionstüchtiges Auto wird, und das hat heutzutage nur Sinn, wenn es umweltschonend produziert wird und wenig Energie verbraucht. Denn eine Produktion, die den Menschen Energie und Umwelt raubt, mag kurzfristig hohen Gewinn bringen, langfristig aber wirkt sie zerstörerisch. Zerstörung ist das Gegenteil von Sinn. Umgekehrt bietet Arbeit an einem sinnvollen Produkt den Menschen das Gefühl, dass ihre Tätigkeit Sinn hat. Das ist ein wesentlicher Teil ihres Daseins. Dazu gehört auch, dass sie davon leben und dass sie sie überhaupt ausführen können, dass sie nicht über ihre physischen oder psychischen Kräfte geht. Psychische Krankheiten, die heute als Volkskrankheit Nummer eins grassierenden Depressionen, in denen Menschen sich als rettungslos überfordert empfinden, keine Anerkennung und keinen Sinn mehr in ihrem Leben entdecken können, sind ein Anzeichen dafür, dass wir nicht weiter machen dürfen wie bisher. Dass wir unsere Arbeit und den marktwirtschaftlichen Rahmen, in dem sie geschieht, dringend umgestalten müssen. Es sei denn, wir finden uns weltweit mit zunehmender Zerstörung ab. Das wollen wir schon um unserer Kinder und Enkel willen nicht. Für die Umgestaltung gibt es konkrete Vorschläge. Auch auf sie komme ich zurück.

 

III. Arbeit, Anerkennung und Sinn


Wie hängen Arbeit, Anerkennung und Sinn zusammen? Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski hat sein dreibändiges Werk „Hauptströmungen des Marxismus“ mit dem Satz begonnen: „Karl Marx war ein deutscher Philosoph“. Damit wollte er darauf hinweisen, dass die Arbeit, die im Mittelpunkt von Marx‘ Werk steht, in Deutschland besonders wichtig ist. Weder in Italien, noch in Polen würde man so an ihr hängen. Familie, Spiel, Muße – dies wären Alternativen, die man nicht klein reden sollte. Sicher aber ist, dass sie von der Organisation der Arbeit in einer Gesellschaft abhängen. In der Antike konnte sich die Oberschicht Spiel und Muße leisten, weil Sklaven die notwendige Arbeit erledigten. Heute wollen wir, dass alle ein gleiches Recht auf ein gelungenes Leben haben, dass Arbeit von allen getätigt und die Chance für Familie, Spiel und Muße allen offen stehen muss. Diese geschichtliche Kraft des Anspruchs auf Gerechtigkeit, d.h. auf gleiche Freiheit ist die Gegenkraft gegen die Unterwerfung unter eine blinde kapitalistische Marktdynamik. Auf sie können wir bauen und sie müssen wir zugleich appellierend und erklärend frei setzen.

Der Arbeitsmarktforscher Günther Schmid hat jüngst darauf hingewiesen, dass junge Menschen zunehmend auf Arbeit aus sind, die ihnen Anerkennung verschafft. Personalchefs von großen Unternehmen bemerken, dass eine wirksame Unternehmensethik, die sich an den allgemeinen Menschenrechten orientiert, einen Vorteil darstellt, um intelligente Mitarbeiter zu gewinnen. Es dient ihrer positiven Selbsteinschätzung – als moralische Subjekte – wie ihrer gesellschaftlichen Anerkennung, wenn sie in einem Unternehmen arbeiten, das einen guten Ruf genießt. Anerkennung hat hier die Bedeutung: Das Selbstwertgefühl steigt, wenn man von anderen, wenn man aus der Gesellschaft Anerkennung erfährt.

Früher galt das bereits, wenn man jenseits individueller Verdienste zu einem ehrenhaften Stand – im Handwerk, im Adel oder in der Geistlichkeit – gehörte. Heute haben diese Standeszugehörigkeiten ihre Bedeutung weitgehend verloren. Selbst Professoren, die in den Sozialstatistiken in Sachen Prestige noch relativ hoch angesiedelt sind, treffen nicht mehr automatisch auf Wertschätzung bei ihren Mitbürgern. Übrig geblieben ist aus der Standesanerkennung immerhin, dass man eben in einem „ordentlichen“ Unternehmen oder einer geachteten Universität arbeiten möchte, deren Reputation auf die eigene Person abstrahlt.

Anerkennung gewinnt man in der Arbeitswelt aber auch und gerade von den eigenen Kolleginnen und Kollegen. Es sei denn, die Arbeitsorganisation führt nach dem Wettbewerbsprinzip um einer marktzentrierten Leistungssteigerung willen dazu, dass Gruppe gegen Gruppe und in der Gruppe jeder gegen jeden in Konkurrenz steht. Dann mag noch der Beitrag zum jeweiligen Arbeitsergebnis anerkannt werden, aber nicht mehr die Person als ganzer Mensch. Dazu müsste die Arbeitsleistung in eine grundlegende Solidarität eingebettet sein, die zur Anerkennung des ganzen Menschen führt, nicht nur seines Beitrag für den eigenen oder den Gruppenvorteil. Viele Menschen beklagen den Verlust dieser grundlegenden Solidarität, die sie für die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit und ganz einfach für den Schutz, wenn es ihnen schlecht geht, brauchen. Dadurch auch für ihre Sicherheit.

 

In der Industrieproduktion gibt es zwei Modelle, Teamarbeit auszugestalten. Entweder man wählt das japanische Modell, das ganz auf die Ausnutzung des Leistungsvorteils der Gruppe abzielt und dabei die in die Gruppenarbeit eingebaute Konkurrenz der Teammitglieder untereinander ausnutzt, oder man folgt dem skandinavischen Modell, dass mit der Teamarbeit auch die Solidarität unter den Kolleginnen und Kollegen stärken will und sich davon eine höhere Motivation und Zufriedenheit erhofft. Man kann die Arbeit also auch so gestalten, dass sie Solidarität stärkt.

Anerkennung in Solidarität schafft dann auch Sicherheit. Auf sie sind wir in immer unsichereren Zeiten dringend angewiesen. Deshalb müssen wir die Verabsolutierung des Wettbewerbsprinzips, die unsere ganze Gesellschaft, aber insbesondere von der Arbeitswelt her entsolidarisiert, zugunsten der Anerkennung von persönlichen Leistungen überwinden. Das gilt übrigens auch für die Bildung, in der Kinder und Jugendliche für ihre je individuelle Leistung gewürdigt werden müssen, um dadurch ermutigt weitere Anstrengungen unternehmen zu können.

Das Bedürfnis nach Anerkennung zeigt, dass wir nicht als selbstgenügsame Individuen isoliert leben können, sondern auf die anderen angewiesen sind, deren Anerkennung wir erhoffen. Jedes Lob erfreut und stärkt uns, jeder abschätzige Blick kränkt. Wir brauchen die anderen, und eine Arbeit, die solche Anerkennung verschafft, bringt die Menschen einander näher, stärkt den Zusammenhalt. Eine Gesellschaft ohne gegenseitige Anerkennung, eine Erwerbsarbeit ohne die Anerkennung eines „gerechten“ Lohnes, von dem wir leben können, zerfällt.

Arbeit, die jedenfalls in der Moderne immer arbeitsteilig verfährt, darf die Menschen in einer freiheitlichen Bürgergesellschaft nicht nur über die Befriedigung ihrer praktischen oder materiellen Bedürfnisse zusammen führen. Der Philosoph Hegel hat die bürgerliche Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts – im Grunde negativ – zwar als sog. System der Bedürfnisse bestimmt. Wir brauchen einander um der Befriedigung unserer letztlich egoistischen Bedürfnisse willen. Ein solcher Zusammenhalt reicht aber nicht aus, bedarf denn auch bei Hegel eines autoritären starken Staates, der die Gesellschaft „von oben“ zusammenhält. In einer Bürgergesellschaft wollen wir heute eine solche starke Obrigkeit nicht mehr. Wir wollen freiwillig und eigenständig zusammenhalten. Dazu ist die solidarische Anerkennung in der Arbeit, von ihr und durch sie eine entscheidende Voraussetzung. Eben: Freiheit oder Unterwerfung unter eine entsolidarisierende verabsolutierte und allgegenwärtige Konkurrenz. Freiheit oder Depression.

Unser Bedürfnis nach Anerkennung zeigt, dass wir auf die anderen angewiesen sind. Aber das birgt auch Gefahren. Denn wenn wir uns abhängig davon machen, was andere von uns denken oder über uns sagen, dann haben wir keinen eigenen inneren Maßstab, nach dem wir uns richten und gegebenenfalls auch eine falsche Einschätzung von anderen abweisen können. Dann werden wir zu einem schwachen Rohr im Winde. Im Grund ist dann auch unsere Anerkennung anderer nicht viel wert, weil wir kein wirklich eigenständiges Urteil fällen. Wir brauchen also zugleich unseren eigenen inneren Kompass. Woher bekommen wir den?

 

Faktisch durch unsere Erziehung, vielleicht auch durch einen religiösen Glauben, aber z.T. auch durch unsere eigene Arbeit. Indem wir sie leisten – und je selbstbestimmter, desto mehr -, bestätigen wir uns selbst unsere eigenen Fähigkeiten, bringen wir „zum Ausdruck“, was in uns ist, können wir unsere eigene „Macht“, unser „Leistungsvermögen“ anschauen und erfahren. Das befriedigt uns gerade auch im Gebrauch unserer eigenen Freiheit. Das verschafft uns Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und ein Selbstwertgefühl, das uns wiederum erlaubt, auf andere zuzugehen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. So bietet die in der Arbeit gewonnene Selbstanerkennung nicht nur die Grundlage für ein im Selbstvertrauen verankertes selbstständiges Urteil. Sie begünstigt über das Selbstvertrauen auch den Zusammenhalt der Gesellschaft, weil Bürger offen und vertrauensvoll aufeinander zuzugehen und miteinander politisch zu kooperieren vermögen. Umgekehrt: Wer Selbstanerkennung nicht erleben kann, wer hoffnungslos in der Arbeitslosigkeit steckt, fühlt sich unwert und ausgegrenzt. Das sind in Deutschland, Europa und global viel zu viele. Auch deshalb müssen wir das Erzübel der Arbeitslosigkeit überwinden.

Die Notwendigkeit, eigenständig zu urteilen, aber auch die Tatsache, dass die Maßstäbe und Werte, nach denen wir uns und unsere Mitmenschen anerkennen, sich im Laufe der Jahrhunderte verändert haben und immer unsicherer geworden sind, hat Philosophen wie Charles Taylor dazu gebracht, heute von einer besonderen Kultur der Authentizität zu sprechen. Das Wort „authentisch“ wirkt auf viele verwaschen. In Anlehnung an Herder bestimmt Taylor Authentizität als eine Lebensweise, in der ich versuche, meine Identität, das Besondere meiner Individualität, nicht einfach von anderen zu übernehmen, sondern als eigene originelle und anhaltende Daseinsweise zu entwickeln. Manche tragen zum äußeren Zeichen dessen einen auffallenden Hut, andere binden sich einen knalligen Schal um, wieder andere machen sich allein durch ihre Verlässlichkeit bemerkbar. Deshalb nennen wir Personen authentisch, die ihrem inneren Gesetz folgen und diesem auch in verschiedenen Situationen treu bleiben. Das heißt nicht, dass sie sich verschließen, aber sie bemühen sich um ihren eigenen, wahrhaftig durchgehaltenen Weg. Dazu gehört allerlei Selbstvertrauen. Auch authentische Personen wünschen sich die Anerkennung von anderen, aber sie machen sich nicht davon abhängig. Freilich brauchen sie den Dialog mit den anderen, um ihre eigene Identität auch in der Entgegensetzung zum anderen zu entwickeln.

Eine Gesellschaft hält umso zuverlässiger zusammen, je mehr sie ihren Mitgliedern die Chance gibt, sich zu authentischen verlässlichen Individuen zu entwickeln. Denn das verschafft ihnen die Möglichkeit, sich als unersetzbare Personen, nicht einfach als austauschbare Instrumente zu begreifen und zu fühlen. Wer von sich den Eindruck haben muss, er sei in all seinen Beziehungen ersetzbar, wird unglücklich. Wir brauchen das Gefühl – das sich auf uns als ganzen Menschen bezieht – für andere nicht einfach austauschbar zu sein. Wer sich in seiner Arbeit oder in der Arbeitslosigkeit nur als austauschbares Rädchen im Getriebe fühlt, hat es schwer, sich als authentisches Individuum zu fühlen, wird nicht glücklich, wird auch kein guter Bürger in der Demokratie.

 

IV. Zusammenhalt: Arbeit, Anerkennung, Familie


In der Regel geht es uns allerdings vor allem in unseren persönlichen, eher intimen Beziehungen darum, uns als unersetzbar zu empfinden: in der Freundschaft, in der Liebe, in der Familie. Deshalb sind sie für uns so kostbar. Aber sie sind bedroht, weil eine Arbeitswelt, die dem Selbstlauf einer kapitalistischen Gewinndynamik überlassen wird, wie wir schon heute sehen, den Raum und die Zeit für die Pflege persönlicher Beziehungen auffrisst. Der persönliche und der Arbeitsbereich können daher nicht mehr getrennt voneinander betrachtet werden.

Mehr: Wie die Familienberichte des Deutschen Bundestages zeigen, sind gute persönliche Beziehungen, sind gelingende Familien eine Energiequelle ersten Ranges, auch für die Arbeit, eine unverzichtbare Quelle, die wir für die psychische und physische Gesundheit der Menschen und für Zusammenhalt und Fortbestand unserer Gesellschaft genauso ernst nehmen müssen wie Öl, Gas oder Solarenergie. Der letzteren ähnelt diese Energiequelle, wenn wir gelingenden partnerschaftlichen Familien realistische Chancen geben, sich ebenfalls zu regenerieren. Denn Umfragen und Untersuchungen über Zukunftstrends zeigen übereinstimmend, dass persönliche Beziehungen, Familie und soziale Netze eine immer größere Bedeutung für die Menschen gewinnen. Das ist eine durch und durch rationale Reaktion auf das zunehmende Arbeitsrisiko von Männern und Frauen - bis in die Mittelschicht hinein -, beruflich plötzlich abzustürzen, jedenfalls in der Arbeitswelt nicht mehr das Sicherheitsnetz für Zufriedenheit und Erfüllung zu finden, das ihnen die letzten Jahrzehnte zumindest teilweise geboten haben.

Allerdings in Deutschland – mehr als in anderen europäischen Ländern – unter der Bedingung einer Rollenteilung, nach der Frauen zu Hause für die Energieressource Familie sorgen und die Männer „draußen“ in der Arbeitswelt für den materiellen Unterhalt. Diese aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammende Rollenteilung, in der Frauen rechtlich noch die Erlaubnis ihrer Ehemänner einholen mussten, wenn sie berufstätig werden wollten, ist als Regel gründlich zusammengebrochen. Ein Zurück dahin gibt es nicht, wie Elisabeth Beck-Gernsheim nüchtern feststellt. Natürlich bleibt es in einer freien Gesellschaft Eltern überlassen, über die Aufgabenverteilung in ihrer Familie selbst zu entscheiden. Aber alleinstehende Mütter haben in dieser Hinsicht gar keine Wahl mehr, und aus vielen verschiedenen Gründen ziehen die meisten Frauen und neuerdings auch mehr und mehr Männer eine Rollenmischung von Familien- und Berufstätigkeit vor.

Wenn wir für den Zusammenhalt der Gesellschaft also die Möglichkeit, Familien zu gründen und zu leben, stärken wollen, dann müssen wir vor allem eine Organisation der Arbeitswelt schaffen, in der beiden Eltern – d.h. alle Erwachsenen, die verlässlich für Kinder, aber gegebenenfalls auch für die Großeltern sorgen – genug Zeit für die Pflege der persönlichen Beziehungen bleibt. Dazu brauchen sie die Möglichkeit, in der Rush-hour des Lebens, also etwa zwischen dem 25. und dem 50. Lebensjahr, beide ihre Berufsarbeit so einzuteilen, auch zu beschränken, dass sie sie mit der Familienzeit vereinbaren können. Angesichts dessen, dass wir alle gesünder älter werden, wäre es nur zu vernünftig und „organischer“, dass während der Familienzeit beide Eltern die Berufsarbeit reduzieren und den Höhepunkt ihrer Karriere in die Zeit zwischen dem 50. und dem 65. Lebensjahr verlegen, vielleicht sogar bis zum siebzigsten Lebensjahr freiwillig schrittweise weniger weiterarbeiten oder sich dann ehrenamtlich engagieren. Karrierehöhepunkte bedeuten häufig Führungsaufgaben, für die wir, wenn wir älter sind und noch dazu Familienerfahrung mitbringen, erheblich besser ausgestattet sind. Das geht natürlich nur, wenn die Arbeit die Menschen vorher nicht so verschleißt, dass sie früher aufhören müssen. Aber einen solchen Verschleiß darf es sowieso nicht geben.

 

Olaf Scholz hat die neue Aufgabe, den Menschen einen souveränen und planvollen Umgang mit ihrer Arbeitszeit durch Gesetzgebung zu erleichtern, in Angriff genommen. Mit dem „Gesetz zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Absicherung flexibler Arbeitszeitregelungen“ verfolgt er die Idee, mit Tarifverträgen die Errichtung von „Arbeitszeitbanken“ zu fördern. Hier könnte man Zeiten ansparen für spätere Weiterbildungsabschnitte, aber eben auch die gedrängte Zeit zwischen dem 25. und 50. Lebensjahr, in der Familie und Beruf intensiv zusammenfallen, entlasten. Dazu sollte man das Konto auch „überziehen“ können. Das wäre ein Einstieg, der noch mehr Regelungen zu offenen Fragen nach sich ziehen muss – für die Versicherung von Lebensrisiken, aber auch angesichts der Tatsache, dass man während der Familienzeit mehr Geld braucht als später, wenn man nur noch für sich selbst zu sorgen hat. Vermutlich muss dazu der Bereich der sog. öffentlichen Güter – die um des Gemeinwohls der gesamten Gesellschaft, z.B. um ihres Fortbestands durch gelingende Familien willen kostenlos zur Verfügung stehen müssen – politisch und öffentlich intensiver debattiert und schließlich erweitert werden. Was in der früheren Rollenteilung kostenlos von Frauen als „gemeinsames Gut“ (so nennt es der 6. Familienbericht) zur Verfügung gestellt worden ist, wird vermutlich in Zukunft wenigstens z.T. als öffentliches Gut vom Staat erbracht werden müssen. Das gilt für die Bildung vom frühestens Zeitpunkt an, aber auch für die finanzielle Unterstützung von Familien in Alltagsdingen wie Mobilität, Krankenpflege etc.

Der gesamte Bereich der Pflege und Versorgung, der für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und überhaupt für ein gelingendes Leben unverzichtbar ist, muss unterstützt, kann aber nicht einfach öffentlich ersetzt werden. Denn zu Sorge und Pflege gehört persönliche Zuneigung, die nur teilweise durch professionelle Dienstleistungen erbracht werden kann. Natürlich gibt es wunderbare Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen und, übrigens häufig aus Osteuropa angereiste Alten- und Krankenpflegerinnen, die ihren Dienst liebevoll tun. Die weibliche Form, in der ich gesprochen habe, war nicht zufällig. Aber in Zukunft wird die Aufgabe der Sorge – der Familienforscher Bertram verwendet den englischen Begriff des „care-taking“ – von Frauen und Männern gemeinsam übernommen werden, vom Babywickeln bis zum Füttern alter oder gebrechlicher Menschen.

Der Kindererziehung tut dies bestimmt gut, weil Kinder eben auch Väter brauchen. Zunehmend empfinden überdies Männer den Reiz von Vaterschaft, und Unternehmen begreifen, dass persönlich ausgeglichene Mitarbeiter mit sozialer Kompetenz – die uns niemand so gut beibringt wie unsere Kinder – letztlich auch für das Arbeitsergebnis wertvoller sind als junge Menschen mit zeitlich ausgepressten Tagen und ohne die Chance, sich in persönlichen Beziehungen zu regenerieren.

Eine neue Verteilung der Rollenbilder für die Familie entspricht auch den neuen Erfordernissen auf dem Arbeitsmarkt, wo zunehmend Dienstleistungen im Versorgungsbereich verlangt werden. Gefragt sind also mehr und mehr Tätigkeiten, für die Frauen kompetent sind. Männer müssen in diese Berufe gleichsam hineinwachsen, um auch hier Geld verdienen zu können. Wenn sich Rollenbilder wandeln, erhöht sich umgekehrt die Chance, die Aufteilung des Arbeitsmarktes in typisch weibliche und männliche Berufe mit den eingangs genannten unvertretbaren Lohnunterschiedenen zwischen Männern und Frauen, zu überwinden.

 

Auch der Zusammenhalt zwischen den Generationen gewinnt von einer Mischung der Rollen von Männern und Frauen. Wenn unsere Arbeitsbiographien flexibler werden, was sich einerseits aus der makroökonomischen Entwicklung fortgeschrittener Marktwirtschaften ergibt und andererseits für gelingende Familien gewünscht wird, dann kann man sich auch in der Familie in der Pflege abwechseln. Wir lernen, dass wir in unserem Leben wohl mehrere Berufe ausüben werden, weil der gesellschaftliche Wandel dies erfordert. Wir müssen also auch lernen, unterschiedliche Rollen zu spielen, und finden vielleicht auch in einem Leben, das immer länger dauert, Gefallen daran. Im wohlverstandenen eigenen Interesse können wir so wirtschaftliche Entwicklung und Arbeitsorganisation einerseits, Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern wie zwischen den Generationen, Sorge für die Kinder sowie Ruhe für die Pflege persönlicher Beziehungen, nicht zuletzt innerhalb der Partnerschaft klug miteinander verbinden.

Deutlich wird hier – am Tag der Frau möchte ich das unterstreichen – dass die bisher notgedrungene Lebensweise vieler Frauen, ganz unterschiedliche Rollen miteinander zu verbinden und damit auch eine vielseitige Kompetenz zu entwickeln, die besten Chancen bietet, unsere Gesellschaft zusammenzuhalten, unsere Zukunft gemeinsam zu gestalten und dadurch zu gewinnen. Wenn es gelingt, diese Rollenflexibilität mit einer zureichenden materiellen Absicherung zu verbinden, eröffnet sich dadurch eine mehrfache Gewinnperspektive: Die Vielfalt erlaubt interessante Abwechslung, die Welten von Frauen und Männern nähern sich einander an mit der Chance zu besserem gegenseitigem Verständnis, materielle Unsicherheiten können durch psychische Absicherungen, durch solidarische persönliche Beziehungen abgefedert werden und der gesellschaftliche Zusammenhalt wird obendrein durch sog. Überkreuzloyalitäten gefestigt.

So nennt man in einer soziologischen Tradition eine Situation, in der Menschen in verschiedenen sozialen Gruppen, Berufen, Milieus zu Hause sind und sich ihnen verbunden fühlen. In Konfliktfällen können sie die unterschiedlichen Denkweisen und Rollenerfordernisse besser nachvollziehen und miteinander vermitteln. Wenn Mütter und Väter Kindergärten, stressende Berufssituationen oder die geduldige Pflege von Kranken aus eigener Erfahrung kennen, wenn ganz allgemein Menschen in unterschiedlichen Bereichen zu Hause sind, dann wächst die Chance, in Konflikten zu gemeinsamen Lösungen zu kommen, dann erstarrt die Gesellschaft nicht in undurchdringlichen Versäulungen, dann bricht sie nicht auseinander, dann hält sie zusammen.

Familien haben zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Formen zusammengelebt, aber immer eine zentrale Funktion für den Fortbestand, die Wertetradition, für den Zusammenhalt und für die Gestalt der Gesellschaft gehabt. Vor uns liegen gerade in der Krise und durch die Krise große Chancen: Wenn wir sie nicht als kleinen Betriebsunfall bagatellisieren, sondern begreifen, dass sie uns eben vor die Wahl stellt zwischen Freiheit und Unterwerfung, dazwischen, unser Leben wieder in die Hand zu nehmen oder uns in blinder Unterwerfung unter eine ungeregelte Konkurrenzwirtschaft zu zerstören, dann sehen wir alle Bausteine für eine gelingende Zukunft vor uns liegen.

Arbeit, Anerkennung und Zusammenhalt sind voneinander abhängig. Sie können gelingen, wenn wir die Märkte transparent für einen fairen Wettbewerb und politisch zugunsten von Nachhaltigkeit gestalten, wenn wir die Produktion wieder von den Menschen her und mit ihnen zusammen bestimmen, wenn Arbeit für alle die Chance zur Selbstbestätigung und zur gegenseitigen Anerkennung bietet, wenn wir unsere Arbeitsbiographien intelligent gestalten, in Abstimmung mit den Flexibilitätserfordernissen sowohl von Unternehmen, als auch der Erfordernisse, in partnerschaftlichen Familien, überhaupt gelingenden menschlichen Beziehungen leben zu können, menschliche Zuneigung und Pflege nicht zu kurz kommen zu lassen, schließlich damit den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken.

An die Stelle von Angst kann die solidarische Befreiung für eine bessere Welt treten, bei uns in Deutschland, in Europa, in der Welt. Gemeinsam können wir es. Wir müssen es nur wollen!