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Bildung

Bildung gilt gemeinhin als zentrale Zukunftsaufgabe moderner Staaten. Dabei trat sie in den letzten ca. zwanzig Jahren in der öffentlichen Diskussion vornehmlich als Instrument zur Stärkung von Wirtschaftskraft und von Chancen der Individuen auf dem Arbeitsmarkt in den Blick. Dafür spielt Bildung ohne Zweifel eine wichtige Rolle.

Der Sache nach und in der Tradition des Nachdenkens über Bildung umfasst diese jedoch viel mehr. Vor allem gibt es einen Zusammenhang zwischen den Wegen zur Bildung und ihrem Ziel einerseits und der Gestalt des politischen Gemeinwesens, für das und in dem Bildung stattfindet andererseits. Autoritäre Bildungsmethoden z.B. unterminieren die Demokratie, weil sie die für sie notwendigen Werte und Verhaltensweisen nicht vermitteln bzw. diese pervertieren. Wer nicht gelernt hat, sich ein eigenständiges Urteil zu erarbeiten, kann seine Rolle als selbständiger Bürger in einer Demokratie nicht wahrnehmen.

 
Wer nicht gelernt hat, sich ein eigenständiges Urteil zu erarbeiten, kann seine Rolle als selbständiger Bürger in einer Demokratie nicht wahrnehmen.

Die gegenwärtige Vorherrschaft ökonomischen Denkens und Verhaltens steht den Aufgaben und Chancen demokratischer Bildung entgegen, weil sie den Wettbewerb als Motivation verabsolutiert, die Förderung von Eliten in den Mittelpunkt stellt und die Vielseitigkeit der Persönlichkeitsbildung ebenso wie die zur Entwicklung notwendige Zeit dem verkürzenden Gebot ökonomischer Effizienz opfert.

 
Die gegenwärtige Vorherrschaft ökonomischen Denkens und Verhaltens steht den Aufgaben und Chancen demokratischer Bildung entgegen.

Die Verabsolutierung von Wettbewerb mit dem Ergebnis der unreflektierten Hierarchisierung von quantifizierten Leistungen macht die Menschen zu Dauerkonkurrenten untereinander auf Kosten der für den sozialen Zusammenhalt notwendigen Solidarität, reduziert die Vielfalt der Talente auf die wenigen im Wettbewerb getesteten Dimensionen, entmutigt diejenigen, deren Leistungen nicht abgefragt oder entdeckt werden. Sie begünstigt die unerträglich ungerechte Abhängigkeit der Bildung vom sozialen Status der Eltern und bringt sowohl die Individuen als auch die Gesellschaft als Ganze um den Reichtum, der aus der Vielfalt der Talente erwachsen könnte, wenn sich Bildung auf die Förderung der jeweils individuellen Potenziale konzentrierte.

 

Stattdessen verfehlen viele junge Menschen ihre Bildungschancen wegen der Angst, nicht zu den Besten zu gehören, und verlassen die Schule als Verlierer mit der Sorge, keine Lebenschancen zu haben. Die skandinavischen Bildungssysteme, die die Individuen mit dem gleichen Recht, ihre unterschiedlichen Talente zu entfalten, in den Mittelpunkt stellen, sind erheblich erfolgreicher als das deutsche.

Insbesondere vermeiden sie die schreiende Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems, in dem die Bildungschancen zentral von der sozialen Herkunft der Kinder abhängen. Um die Zukunft Deutschlands zu gewinnen, ist hier schnell und nachhaltig Abhilfe zu schaffen.

Gesine Schwan, Januar 2009