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Familie

Familien bilden die Urzellen aller bisherigen Gesellschaften. Über die Jahrhunderte hat sich ihre Gestalt immer wieder gewandelt. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es eine Tendenz zur Kleinfamilie mit einem oder zwei Kindern, die in den letzten Jahrzehnten den demographischen Wandel nicht nur in Deutschland begünstigt hat. Neben den medizinischen und hygienischen Fortschritten hat sie dazu geführt, dass der Anteil der älteren Menschen in unserer Gesellschaft im Vergleich zu den jüngeren deutlich steigt.

Diese Veränderung wird von vielen als Gefahr für die Zukunft Deutschlands angesehen. Weil wir alle gern gesünder älter werden wollen und deshalb die Verlängerung der Lebenserwartung begrüßen sollten, vor allem aber aus einer familienpolitischen Perspektive sehe ich darin jedoch einen Vorteil. Denn unsere längere aktive Lebensspanne bietet uns die Chance, unsere Lebensläufe zu entzerren, dadurch Zeit für partnerschaftliche Familien zu gewinnen und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt für eine gute Zukunft Deutschlands zu stärken.

 
Es kommt darauf an, mental und politisch die Voraussetzungen für partnerschaftliche Familien zu schaffen, in denen Frauen und Männer die gleichen Chancen erhalten, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

Die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau – die Frau versorgt die Kinder, der Mann verdient den Lebensunterhalt – entspricht weder materiell noch psychologisch den Erwartungen und Notwendigkeiten der gegenwärtigen und vermutlich zukünftigen Generationen. Es kommt darauf an, mental und politisch die Voraussetzungen für partnerschaftliche Familien zu schaffen, in denen Frauen und Männer die gleichen Chancen erhalten, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

Dazu gehört zum einen eine öffentliche Infrastruktur, in der die Kinder von der Krippe bis zum Schulabschluss mit allen ihren Talenten sowohl emotional als auch intellektuell gut versorgt werden, so dass die Eltern für einen längeren Teil des Tages ihrem Beruf nachgehen können und die Kinder zugleich möglichst gleiche und gute Bildungschancen erhalten. Zugleich aber brauchen Väter und Mütter mehr (als vor allem Väter bisher) Zeit für die Familie, um für die heranwachsenden Kinder Zeit zu haben und auch für einander noch lebendige und anregende Partner sein zu können.

Die Tendenz sollte dahin gehen, dass Männer wie Frauen nicht mehr wie bisher zwischen dem 25. und dem 45. Lebensjahr, während die Kinder ihre Hauptaufmerksamkeit brauchen, atemlos die „Hauptgeschäftszeit“ ihres Lebens durchlaufen und sich in der Durchorganisation ihres Familienlebens die „Klinke in die Hand geben“ müssen, sondern sich Zeit für die Familie nehmen können. Das kann gelingen, wenn es ihnen – auch in der Akzeptanz der Gesellschaft – möglich ist, in jüngeren Jahren nur ca. zwei Drittel ihrer normalen Arbeitszeit für den Beruf einzusetzen und erst im Anschluss daran in einer gegebenenfalls verlängerten Lebensarbeitszeit den Höhepunkt ihrer Karriere zu erklimmen. Dieser bezeichnet zumeist Führungspositionen, für die sie nicht zuletzt in ihrer Familie wichtige Erfahrungen und soziale Kompetenz haben sammeln können.

 
Die Tendenz sollte dahin gehen, dass Männer wie Frauen nicht mehr wie bisher zwischen dem 25. und dem 45. Lebensjahr, während die Kinder ihre Hauptaufmerksamkeit brauchen, atemlos die "Hauptgeschäftszeit" ihres Lebens durchlaufen und sich in der Durchorganisation ihres Familienlebens die "Klinke in die Hand geben" müssen, sondern sich Zeit für die Familie nehmen können.

Partnerschaftliche Familien, in denen Kinder sich geborgen fühlen, Urvertrauen gewinnen und auf der Basis öffentlicher Bildungseinrichtungen erfolgreich lernen können, bieten eine entscheidende Grundlage für ein sinnvolles zufriedenes Leben der Individuen, für ihre Fähigkeit, sich als verantwortungsbereite Bürger im Gemeinwesen zu engagieren und legen so eine der wichtigsten Voraussetzungen für den sozialen Zusammenhalt. Denn sie stärken im besonders wichtigen frühkindlichen Alter die Persönlichkeit und Verantwortungsfähigkeit der Kinder, fördern die Verständigung zwischen den Generationen und bieten die erforderliche emotionale Grundlage für eine generationenübergreifende nachhaltige Politik.

 

In der Gegenwart herrscht vielfach noch ein ökonomisches Interesse an flexiblen Individuen vor, deren Arbeitskraft unabhängig von persönlichen Bindungen mobil eingesetzt und maximal verwendet werden kann. Einsichtige Unternehmer haben aber bereits den Vorteil erkannt, der in zufriedenen, psychisch ausgeglichenen und dank der Familienerfahrung sozial kompetenten Mitarbeitern liegt und stellen sich flexibel auf die Erfordernisse partnerschaftlicher Familien ein. Ihnen gehört die Zukunft.

Gesine Schwan, Januar 2009