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Freiheit

Freiheit ist die Wurzel der menschlichen Würde und deshalb der Anker der Demokratie. Unsere Würde, deren Anlage wir in jedem Menschen jenseits aller Leistung respektieren,  liegt konkret im richtigen Gebrauch unserer Freiheit gemäß unseren Möglichkeiten. Seit mehr als zweitausend Jahren begreifen sich Menschen als frei, d.h. als fähig und zugleich unvermeidbar darauf  verwiesen, ihr Verhalten und ihr Leben selbst zu bestimmen.

Zugleich erfahren wir in der Freiheit – in unterschiedlicher Intensität und Begründung – ihre Begrenzung: durch göttliches Schicksal oder die Vorsehung, durch innere Dispositionen wie überwältigende Leidenschaften oder gedankliche Irrtümer, durch äußere soziale Umstände, durch Furcht oder einfach durch die Freiheit der anderen.

 
Seit mehr als zweitausend Jahren begreifen sich Menschen als frei, d.h. als fähig und zugleich unvermeidbar darauf verwiesen, ihr Verhalten und ihr Leben selbst zu bestimmen.

Es gab auch Philosophen wie Arthur Schopenhauer, die Freiheit als Illusion begriffen und die Menschen in Wirklichkeit ganz und gar als determinierte Wesen ohne eigenen Willen verstanden. Sie finden in der Gegenwart Unterstützung bei anerkannten Naturwissenschaftlern, die die Freiheit des Willens bestreiten und behaupten, dass alle menschlichen Entscheidungen ihren Ursprung in zeitlich vorausgegangenen körperlichen Regungen haben. Dies ist in der Gegenwart ein durchaus bedeutsamer Streit, weil die radikale Negierung der Freiheit theoretisch diejenige von Verantwortung, Schuld und Würde im Gefolge hat und der rechtsstaatlichen Demokratie, überhaupt freiheitlicher Politik den Boden entzieht. Ohne hier im Einzelnen auf diese radikale Position eingehen zu können, sei nur darauf verwiesen, dass Freiheit in einem reflektierten philosophischen Verständnis weder Bedingungslosigkeit noch Schrankenlosigkeit meint.

Schon Aristoteles hat darauf ging davon aus, dass wir unser Verhalten durch Gewohnheiten konditionieren, aus dem dann „spontane“, aber berechenbare Reaktionen auf Herausforderungen folgen. Die moderne so genannte Helferforschung, die nach den Besonderheiten von Menschen fragt, welche z.B. im Nationalsozialismus Juden in der Verfolgung geholfen haben, bestätigt diese Annahme des Aristoteles: Wer von klein auf gewohnt war, sich um andere zu kümmern, Mitmenschen zu respektieren und die gleiche Würde der Menschen anzuerkennen, hat in der Regel auch spontan Juden in Gefahr geholfen. Darüberhinaus verlangt Freiheit Bindung an Moral und Gesetze, sonst schlägt sie in Willkür oder in die Unterwerfung unter unsere spontanen körperlichen Regungen um.

 
Freiheit als Selbstbestimmung praktizieren wir zunächst individuell und in persönlicher Verantwortung. Da wir jedoch nicht als isolierte Wesen leben können, setzt sie sich im Gemeinwesen als politische Freiheit, als Mitbestimmung an den alle betreffenden Angelegenheiten fort.

Im Übrigen steht die Annahme, wir seien einfach das Ergebnis körperlicher Determination, unserer moralischen Grundintuition entgegen. Freiheit kann nicht bewiesen werden. Nach Kant ist sie aber ein Postulat der praktischen Vernunft, das wir um der Sittlichkeit willen annehmen müssen.

Freiheit als Selbstbestimmung praktizieren wir zunächst individuell und in persönlicher Verantwortung. Da wir jedoch nicht als isolierte Wesen leben können, setzt sie sich im Gemeinwesen als politische Freiheit, als Mitbestimmung an den alle betreffenden Angelegenheiten fort. In diesem Sinne bildet sie zusammen mit  Sicherheit die Grundanliegen politischer Zusammenschlüsse, wie sie seit der Neuzeit in den „Gesellschaftsverträgen“ der politischen und rechtlichen Philosophiegeschichte entworfen worden sind.

 

Montesquieu hat in diesem Kontext politische Freiheit als das Gefühl der Sicherheit definiert, die wir in ihrem Gebrauch genießen. Dabei dachte er an die Sicherheit vor Willkür, die uns Gewaltenteilung und der Rechtsstaat gewähren. In den folgenden Jahrhunderten ist sie zur Sicherheit vor Not und Furcht erweitert worden.

Deshalb verlangt Demokratie einen sozialstaatlichen Ausgleich, der die gleiche Chance aller Bürger auf den Gebrauch ihrer politischen Freiheit sichert.


Gesine Schwan, Januar 2009