Meine Grundüberzeugung - mein Glaube

Meine Grundüberzeugung beruht auf meinem christlichen Glauben. Ihre „Richtigkeit“ kann ich nicht beweisen. Auch kann ich von niemandem verlangen, meinen Glauben zu teilen. Ich meine aber, dass meine politischen Folgerungen auch von anderen Glaubens- oder Weltanschauungsvoraussetzungen her angenommen werden können. Offenheit und Dialogbereitschaft gegenüber anders Denkenden, die ausdrückliche Bejahung ihrer Würde in ihrer Freiheit sind für mich fundamentale christliche Werte.

Die Welt, in der wir leben, ist nicht dem Untergang geweiht, sie enthält – als Gottes Schöpfung – den Keim des Gelingens, die Chance, zum Besseren gestaltet zu werden. Dies ist in unser aller Verantwortung gegeben. Wir spüren diese Verantwortung gegenüber Gott – wenn wir religiös sind – oder gegenüber unserem Gewissen. Auch die Gesellschaft stellt Anforderungen an uns, die wir ernst nehmen müssen. Wir können sie aber nicht als letzte Instanz unserer Entscheidungen übernehmen, wir müssen unserem Gewissen folgen und selbst urteilen.

 
Die Welt, in der wir leben, ist nicht dem Untergang geweiht, sie enthält – als Gottes Schöpfung – den Keim des Gelingens, die Chance, zum Besseren gestaltet zu werden. Dies ist in unser aller Verantwortung gegeben. Wir spüren diese Verantwortung gegenüber Gott – wenn wir religiös sind – oder gegenüber unserem Gewissen.

Unsere Verantwortung praktizieren wir getragen von der Liebe Gottes zu uns. Wir können ihm vertrauen, dass er uns in unserem Bemühen nicht allein lässt. Sie gibt unserem Leben zugleich Sinn. Er liegt in der uns vorgegeben Aufgabe des verantwortungsbereiten Mitwirkens an der Schöpfung, die wir allerdings im Einzelnen nach eigenem Urteil erfüllen müssen. Um eine Gegenüberstellung von Jean-Paul Sartre aufzunehmen: Unser Wesen – unsere Essenz – ist uns vorgegeben, aber die Essenz verwirklicht sich erst durch unsere Existenz – durch unser selbstverantwortetes Leben. Wir können nicht einfach einen vorgegebenen Plan erfüllen.

Es gibt aber Anhaltspunkte für die inhaltliche Ausübung unserer Verantwortung. Zentral dafür ist das Verhältnis zu unseren Mitmenschen. Zugleich ist die Erde mit Tieren, Pflanzen und Regeln (z.B. klimatischen Bedingungen) in unserer Obhut. Der biblische Satz: Machet Euch die Erde untertan heißt nicht: Ihr sollt die Erde einfach beherrschend in Euren Dienst nehmen.

Der Leitgedanke für die Gestaltung des Verhältnisses zu unseren Mitmenschen ist die gemeinsame Gotteskindschaft. In diesem Sinne sind wir in Geschwisterlichkeit und Partnerschaft miteinander verbunden – ob arm oder reich, farbig oder weiß, Heilige oder Verbrecher. Wir stehen alle, auch gegenseitig, unter dem Gebot der Verantwortlichkeit, und diese Aufgabe stiftet eine grundlegende Gemeinsamkeit der Verpflichtung. Gemeinsamkeit entsteht allein durch solche Verpflichtung und durch Liebe, nicht durch individuelle Ansprüche. Diese haben aber ihre Berechtigung so lange, wie wir damit nicht das prinzipiell gleiche Recht unserer Mitmenschen auf Verantwortung und Lebenssinn beeinträchtigen oder gar unterminieren.

Verantwortung setzt Freiheit voraus, auch gegenüber Gott. Wir sind zur eigenständigen Antwort auf seine Aufforderung zur Mitschöpfung angehalten und also zur Freiheit berufen, sie kann uns – im Guten wie im Schlechten – nicht abgenommen werden.

 
Verantwortung setzt Freiheit voraus, auch gegenüber Gott. Wir sind zur eigenständigen Antwort auf seine Aufforderung zur Mitschöpfung angehalten und also zur Freiheit berufen, sie kann uns – im Guten wie im Schlechten – nicht abgenommen werden.

Aus der gemeinsamen Gotteskindschaft folgt als grundlegendes Verhältnis der Menschen zueinander die Partnerschaftlichkeit. Unter- und Überordnungen müssen funktional begründet sein, es gibt keine „natürlichen“ Hierarchien. Abgeleitet gilt das Prinzip der Partnerschaftlichkeit auch für die übrige Schöpfung. Abgewiesen wird damit eine Beherrschung, die der inneren, „organischen“ Anlage der Schöpfung entgegensteht. Das betrifft z.B. die Art der Tierhaltung, den schonenden Umgang mit der Pflanzenwelt und insgesamt mit den natürlichen Regelsystemen.

Menschen haben sehr unterschiedliche Gaben, deren gesellschaftliche Bewertungen sich im Laufe der Geschichte gewandelt haben. Künstler waren in der Antike häufig Sklaven. Es gibt keine „natürlich“ besseren oder wichtigeren Talente. Die Gabe mongoloider Menschen, Stimmungen und psychische Dispositionen schnell intuitiv zu erfassen, werden neuerdings, da manche ihre heilsame Bedeutung für das Betriebsklima erkannt haben, unternehmerisch und finanziell wertgeschätzt. Für die Individuen wie für die Gesellschaft bietet die Entfaltung möglichst aller Talente die größte Chance für Zufriedenheit und Reichtum.

Menschen sind endliche Wesen, sie verwenden ihre Fähigkeiten auch destruktiv gegen andere und gegen sich selbst. Destruktiv heißt: die psychische und physische Integrität ihrer Mitmenschen und ihre gleiche Berufung zur Freiheit missachtend. Psychologisch komplementär missachten sie sich damit selbst. Deshalb brauchen Menschen für ihr friedliches Zusammenleben und zu ihrem eigenen Wohl politische Ordnungen, die die Versuchung zum Machtmissbrauch verhindern und Integrität wie Menschenwürde unterstützen.

Seit dem Ende der frühen Neuzeit, seit dem Ende der Herrschaftslegitimation „von Gottes Gnaden“, verständigen sich die Menschen darauf zunehmend freiwillig. Solche freiwillige Verständigung nennt man seitdem „Gesellschaftvertrag“, also einen Vertrag, den die Gesellschaft mit sich selbst schließt. Er zielt darauf, durch verbindende und verbindliche Verständigung die Freiheit und Sicherheit aller besser zu garantieren, als sie dies als isolierte Individuen könnten. Daraus hat sich seit dem 18. Jahrhundert der Verfassungsstaat entwickelt. Mit ihrem Grundgesetz steht die Bundesrepublik Deutschland als demokratischer und sozialer Rechtsstaat in dieser Entwicklungsfolge.

 
Demokratien brauchen neben den institutionellen Voraussetzungen auch kulturelle Bedingungen, wenn sie gelingen sollen. Dazu gehört die Bereitschaft der Bürger, mit Selbst- und Fremdvertrauen ihre Verantwortung für ihr Gemeinwesen zu übernehmen.

Freiheitliche Verfassungsstaaten, so auch das heutige Deutschland, zielen seit der Französischen Revolution auf die Verwirklichung der Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. In der privaten wie der politischen Freiheit sind Gerechtigkeit und Solidarität verankert. Sie stützen zusammen die Würde des Menschen, die in seiner prinzipiellen Freiheit gründet. Gerechtigkeit heißt heute vor allem echte Chancengleichheit zur Freiheit. Solidarität bietet die unverzichtbare Grundlage demokratischen Zusammenlebens und gleicht die unvermeidlichen Unzulänglichkeiten der Gerechtigkeit aus. In der Gegenwart sind gleiche Bildungschancen Kern der Gerechtigkeitsforderung. Das ist eine öffentliche Aufgabe, die zu ihrer Verwirklichung des möglichst vorsorgenden Sozialstaats bedarf.

Bildung soll persönliche Urteilsfähigkeit und Leistung in Vielfalt und Gemeinsamkeit stärken. Die Verabsolutierung des Wettbewerbs als Leistungsmotivation, die zu sozialen Hierarchien und Ausschlussdenken führt und bei vielen die Angst auslöst, als Verlierer übrig zu bleiben, steht der grundlegenden Partnerschaftlichkeit zwischen den Menschen, der unabdingbaren Solidarität in einer rechtsstaatlichen und sozialen Demokratie und nicht zuletzt dem optimalen Lernerfolg entgegen.

Demokratien brauchen neben den institutionellen Voraussetzungen (Verfassung, Gesetze etc.) auch kulturelle Bedingungen, wenn sie gelingen sollen. Dazu gehört die Bereitschaft der Bürger, mit Selbst- und Fremdvertrauen ihre Verantwortung für ihr Gemeinwesen zu übernehmen. Gerade dazu ist eine Bildung erforderlich, die alle individuellen Talente fördert und fordert. Um in pluralistischen Gesellschaften, mit ihrer legitimen Vielfalt von Interessen und Ideen, zu den politisch notwendigen Entscheidungen zu gelangen, brauchen die Bürger einen Grundkonsens über die Werte, Institutionen und Ziele, die sie gemeinsam bejahen und auf deren Grundlage dann der politische Einzelstreit ausgetragen wird. Dieser Grundkonsens muss angesichts des ständigen gesellschaftlichen Wandels, zumal in Krisen, immer erneut erstritten werden, damit Demokratien ihren Anforderungen gerecht werden können.

 

Wir stehen gegenwärtig in Deutschland vor der zentralen Aufgabe, unseren Grundkonsens tragfähig zu erneuern.

Auf der Grundlage der dargelegten demokratischen Voraussetzungen liegt Deutschlands Zukunft darin, seine Verantwortung in Europa und global im Bewusstsein der universalen Menschen- und Bürgerrechte wahrzunehmen und die immer erneuten Herausforderungen realistisch, kooperativ, phantasievoll und mit Augenmaß anzugehen.

Gesine Schwan, Januar 2009