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Kommunikation in der Krise: Wie schafft man Vertrauen?

Im Zuge der länger andauernden Einschränkungen unseres täglichen Lebens und unserer Grundrechte wegen Corona ist es zunehmend zu Protesten gekommen. Bei den Protestierern finden sich sehr unterschiedliche Motive. Verteidigung von Grundrechten, Zweifel an der Sinnhaftigkeit konkreter Einschränkungsmaßnahmen, grundsätzliche  Gegnerschaft, ja Feindschaft  gegen unsere Demokratie und Glauben an Verschwörungstheorien kommen zusammen. Legitime Skepsis und illegitime misstrauische Feindschaft  gegenüber den Entscheidungen der demokratischen Politik gehen ineinander über. Das könnte zu einer gefährlichen antidemokratischen und explosiven Mischung führen. Deshalb ist es sehr wichtig, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wie politische Kommunikation in der Krise das Vertrauen in unsere Demokratie stärken kann, anstatt es zu unterminieren.

Dabei ist zunächst im Blick zu behalten, dass jede Kommunikation nicht nur von den Sendern, sondern auch von den Empfängern geprägt wird.  Unter den Protestierenden findet sich offensichtlich eine Reihe von Personen, die die Krise für ihre rechtsextreme Agitation nutzen wollen oder ohnehin Verschwörungstheorien anhängen. Die kann man vermutlich durch bessere Kommunikation nicht erreichen. Aber man kann verhindern, dass sie zu viele Anhänger finden.

Immerhin: in der Krise tragen die Regierungen als Sender dafür eine besondere Verantwortung, weil sie mit Autorität die Initiative ergreifen können.

Bedeutung von gegenseitigem Vertrauen

Wenn Kommunikation das Vertrauen der Bürger*innen  stärken soll, müssen kommunizierende Regierungsvertreter  selbst Vertrauen in sie haben. Wer Bürgern eher misstraut, „schwierige“ Informationen zu unterdrücken versucht oder sie vor Herausforderungen bewahren will, neigt zu Vertuschungen. Das schafft Misstrauen. Konservative trauen in der Regel von ihrem Menschenbild her Bürger*innen weniger zu als Politiker*innen, die sich der Aufklärung verbunden fühlen. Sie wollen ihnen keine Konflikte und keinen Streit zumuten, lassen gern vieles im Dunkeln. Sie verhindern oft aktiv die Thematisierung von schwierigen Fragen, die die eigene Machtposition gefährden könnte. Solche Konservative gibt es übrigens in allen Parteien.

Diese Grundhaltung hat vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel während ihrer ganzen Regierungszeit praktiziert. Das kann lange gut gehen und dem Machterhalt dienen. Es ist aber gefährlich, weil sich bei Gegnern ein Misstrauenspotential anstauen kann, das lange unter der Decke bleibt. Außerdem zeugt diese Haltung nicht nur von Misstrauen, sondern letztlich auch von Geringschätzung der Bürger*innen.

Gegner von Merkels Politik haben das früh bemängelt, zunächst ohne große Wirkung, solange sie nur von „links“ kamen. Erst mit der „Alternative für Deutschland“ bekam die Kanzlerin Kritik von rechts. Der abstoßende persönliche Hass, der ihr aus diesem politischen Milieu entgegenschlägt, hat nicht nur mit der Migrationspolitik, sondern ebenso damit zu tun, dass ihre Ressentiment geladenen Gegner sich von ihr geringschätzig behandelt fühlen.

Umgekehrt heißt dies, dass demokratische Kommunikation Vertrauen und Wertschätzung in die Bürger aufbringen muss, wenn sie gelingen soll. Die Politik muss auf deren Urteilsfähigkeit und die Klärungschancen durch die öffentliche Debatte setzen. Eine solche Haltung kann in der Kommunikation der Corona-Krise dann den Bürger*innen auch Unsicherheit zumuten.

Auf Gründe bauen: Kommunikation unter Unsicherheitsbedingungen und in der Krise

Politik muss immer unter Bedingungen  der Unsicherheit entscheiden und handeln. Sie muss sich das klar machen und deshalb auch immer revisionsbereit sein. Solche Revisionen wagen demokratische Politiker*innen in der Regel nicht, weil sie um ihre Autorität fürchten, wenn sie ihre Entscheidung ändern. Diese Gefahr besteht aber nicht, wenn Positionsänderungen jeweils begründet werden. So lautet die Dritte Maxime des Gemeinsinns, die Immanuel Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“ formuliert: „Jederzeit mit sich einstimmig denken.“ Sie fordert nicht, dass man ein Leben lang dieselben Positionen vertreten soll. Das ist für eine lebendige Person gar nicht möglich. Aber man muss Positionsänderungen begründen.

Damit ist eine weitere zentrale Bedingung für Vertrauen stiftende Kommunikation benannt: Jede Entscheidung muss im Lichter immer bestehender Alternativen begründet werden. Nur dann erkennt sie die Adressaten als Partner an, denen sie nicht einfach Behauptungen und Gehorsam zumutet. Denn Begründungen können immer infrage gestellt werden. Nur so entsteht eine ernsthafte Diskussion auf Augenhöhe, nur so kann man die besten Lösungen finden, weil man Alternativen prüfen kann und Kehrseiten der vorgeschlagenen „Medaillen“ erkennt.   

Wer seine Entscheidungen im Gegensatz dazu prinzipiell nicht begründet, sondern als „alternativlos“ vorträgt, verstößt  damit gegen Grundregeln des demokratischen Diskurses,  der Vertrauen stiften soll.

Alles Gesagte gilt verschärft für Krisenkommunikation.  Die Begründungen für den Lockdown sind nicht ausführlich diskutiert, Zweifel nicht thematisiert worden. Offenbar hat man das der Öffentlichkeit in der Krise nicht zumuten wollen, obwohl das gerade unter diesen Bedingungen notwendig ist.  Vielleicht waren den Entscheidern auch selbst ihre Gründe oder Zweifel an ihnen nicht ganz klar.

Das rächt sich jetzt. Wir sollten alle daraus lernen: Politische Kommunikation muss auf Gründe bauen, muss dialogisch-argumentativ verfahren und Vertrauen in die bürgerliche Öffentlichkeit aufbringen, wenn sie freiwillige Zustimmung gewinnen, Misstrauen und Verschwörungstheorien den Boden entziehen und Vertrauen sichern will.