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Die Bedeutung von Vertrauen

Seit dem 19. Jahrhundert hat die Bedeutung von Vertrauen für ein Zusammenleben in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität ständig zugenommen.

Geläufig ist uns dieses Wort – abgesehen von seiner gegenwärtigen Hochkonjunktur in den Diskussionen über die Finanzkrise – aus eher persönlichen Erfahrungen. Wir vertrauen einem Freund oder einer Freundin, wenn wir annehmen, dass er oder sie wahrhaftig ist, und zwar aus eigenem Antrieb und aus freien Stücken. Würden sie aus Berechnung oder gezwungen handeln, würden wir ihnen, wenn die Umstände sich ändern, nicht trauen.

 
Geläufig ist uns dieses Wort – abgesehen von seiner gegenwärtigen Hochkonjunktur in den Diskussionen über die Finanzkrise – aus eher persönlichen Erfahrungen. Wir vertrauen einem Freund oder einer Freundin, wenn wir annehmen, dass er oder sie wahrhaftig ist, und zwar aus eigenem Antrieb und aus freien Stücken.

Im Berufsleben, überhaupt in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung vertrauen wir zum Beispiel überdies dem Piloten unseres Flugzeugs, weil wir annehmen, dass er die nötige Kompetenz hat, uns sicher ans Ziel zu bringen. Zur Wahrhaftigkeit kommt hier also die Fähigkeit in der Sache dazu. Der Lehrerin unseres Kindes vertrauen wir in ihrem Urteil, wenn wir sie darüberhinaus für gerecht halten, wenn sie unser Kind weder vorzieht noch es benachteiligt. Wahrhaftigkeit, Kompetenz und Gerechtigkeit gehören in der Regel zusammen, wenn wir einer Person vertrauen.

Aber auch Verlässlichkeit. Es hilft nicht, wenn wir im jeweiligen Augenblick gerade das sagen, was wir denken, wenn wir eine Stunde davor, womöglich in einem anderen Kontext, das Gegenteil gesagt haben. Leben nach der Devise: „Was geht mich mein Geschwätz von gestern an“ zerstört Vertrauen. Vertrauenswürdig sind wir nur, wenn wir uns gut an unsere früheren Positionen erinnern, wenn wir durch unsere redliche und geprüfte Erinnerung unseren Lebenszusammenhang – unsere Identität - herstellen, der unterschiedliche Positionen, auch Veränderungen eigener Auffassungen in einen nachvollziehbaren Begründungszusammenhang bringt. Damit wird persönliche Vertrauenswürdigkeit für jeden von uns zu einer lebenslangen Aufgabe und Leistung, die einer erheblichen Anstrengung und Energie bedarf.

Vertrauen heißt allerdings nicht Blauäugigkeit. Ich muss die Vertrauenswürdigkeit überprüfen können. Daher gehören zu einem realitätstüchtigen Vertrauen sowohl Skepsis als auch Kontrolle. Um Vertrauen auf der Grundlage der eigenen Urteilsfähigkeit ausüben zu können, brauchen wir deshalb vor allem im öffentlichen Leben Transparenz.

 
Vertrauen heißt allerdings nicht Blauäugigkeit. Ich muss die Vertrauenswürdigkeit überprüfen können. Daher gehören zu einem realitätstüchtigen Vertrauen sowohl Skepsis als auch Kontrolle.

Freilich gibt es Menschen, die ihren Mitmenschen prinzipiell misstrauen. Schaut man genauer hin, dann entdeckt man, dass sie auch sich selbst gegenüber kein Vertrauen hegen. Psychologische Erfahrung und Einsicht haben uns gelehrt, dass Vertrauen in andere Selbstvertrauen voraussetzt. Beide gehören wie zwei Seiten einer Medaille zusammen.

Das gegenwärtige Misstrauen im Bankensektor rührt unter anderem daher, dass die misstrauenden Banker von sich selbst wissen, dass sie sich nicht vertrauenswürdig verhalten haben, unter Umständen, weil sie sich unter dem Druck der Konkurrenz gezwungen sahen, unvertretbare Geschäfte zu machen. Selbstvertrauen brauche ich aber auch deshalb, weil ich mich fähig fühlen muss, gegebenenfalls eine Enttäuschung zu verkraften, wenn ich anderen zu Unrecht vertraut habe. Wer sich selbst vertraut, vertraut auch anderen. Wer sich selbst misstraut, misstraut auch anderen.

Überdies hilft Selbstvertrauen, unterschiedliche Erfahrungen, gegensätzliche Annahmen oder auch Loyalitäten mit einander zu vermitteln. Man fühlt sich stark genug, sich Gegensätzen auszusetzen, sie in sich selbst oder im Verhältnis zu anderen intellektuell und emotional zu überbrücken und auf diese Weise persönlichen und sozialen Zusammenhalt zu schaffen. Personen mit Selbst- und Fremdvertrauen halten die Gesellschaft zusammen, weil sie ihrerseits als Vertrauensträger wirken. Wir alle können dabei mithelfen.

Gesellschaften mit vielen sog. „Überkreuz-Loyalitäten“, deren Mitglieder zugleich unterschiedlichen Konfessionen, politischen Parteien oder gesellschaftlichen Aktivitäten angehören und ihnen – wenn sie in Gegensatz unter einander geraten – doch treu bleiben, halten besser zusammen als solche, die in „versäulte“ Einzelgemeinden zerfallen. Denn die Fähigkeit, z.B. unterschiedliche Berufslogiken oder Loyalitäten gegenseitig verständlich zu machen, schafft Transparenz und Vertrauen. Überkreuzloyalitäten mehren also das Vertrauen, mehren damit Zukunftschancen für ein freiheitliches und friedliches Zusammenleben. Deshalb ist es in unseren zunehmend vielfältigen Gesellschaften wichtig, solche Überkreuzloyalitäten, etwa durch Bildung und Mehrsprachigkeit zu begünstigen und zu stärken. Damit stiften wir gerade in einer nicht homogenen Gesellschaft Vertrauen nach innen wie nach außen.

 
Wer aus eigener Urteilskraft vertrauen will – und Vertrauen kann weder erzwungen noch gekauft werden, auch in diesem Sinne gehören Vertrauen und Freiheit zusammen - muss Möglichkeiten der Kontrolle, auch institutioneller Veränderungen wahren. Dazu brauchen wir überall mehr Transparenz und eine wache Öffentlichkeit.

Im täglichen Leben – z.B. wenn ich mich ins Flugzeug setze – vertraue ich aber auch auf die Kompetenz von Menschen, die ich nicht kenne und nie zu Gesicht bekomme. An die Stelle des persönlichen ist hier das institutionelle Vertrauen getreten. Ich baue auf die Luftlinie, das Flugsicherungssystem, die internationalen Flugverkehrsregeln, weil sie bisher Sicherheit gewährt haben. Wenn Institutionen – Gerichte, die Polizei, das Grundgesetz – lange genug von Personen vertrauenswürdig praktiziert worden sind und sich also zur weitgehenden (wenn auch vielleicht nicht lückenlosen) Zufriedenheit bewährt haben, dann vertraue ich den in ihnen handelnden Personen, ohne sie zu kennen. Aus persönlichem ist institutionelles Vertrauen geworden, dass dann wieder auf die jeweils handelnden Personen zurück strahlt.

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert sind unsere Gesellschaften mit ihren komplizierten Arbeitsteilungen und Spezialisierungen immer unübersichtlicher geworden. Während Vertrauen in früheren Zeiten auf Kenntnisse und Kontrollen in der persönlichen Lebenswelt zurückgreifen konnte, wird dies zunehmend schwieriger. Deshalb sind wir immer mehr auf die Vertrauenswürdigkeit von Personen und von Institutionen angewiesen. In der modernen Arbeitswelt geht z.B. repetitive Teilarbeit immer mehr zugunsten von Spezialkenntnissen zurück. Kontrolle durch Vorgesetzte wird immer schwieriger. Das erfordert ein Management von Unternehmen und Arbeitssituationen, das die eigene Motivation der Mitarbeiter zu vertrauenswürdigem Handeln stärkt, weil Fremdkontrolle aus Mangel an Kompetenz oft gar nicht mehr möglich ist. Deshalb ist es auch so wichtig, Bildung durch eigene, durch intrinsische Motivation voranzubringen und nicht durch äußerliche Konditionierung über Wettbewerb, Drohung oder Zwang.

Wenn persönliches wie institutionelles Vertrauen die entscheidende Ressource freiheitlichen Zusammenlebens darstellt und vertrauenswürdige Institutionen in der immer komplexeren und unübersichtlicheren Welt der Moderne daher zunehmend unverzichtbar werden, muss der seit Jahrzehnten andauernde Rückgang des Vertrauens in demokratische, aber neuerdings auch in wirtschaftliche Institutionen wie die „Soziale Marktwirtschaft“ Sorge bereiten. Deshalb ist es gefährlich, den Wert vertrauensstiftender Institutionen wie z.B. wirtschaftlicher und politischer Mitbestimmung in der Folge einer unbedachten „Deregulierungs“-Politik gering zu schätzen. Vertrauen zerstören geht schnell, Vertrauen aufbauen dauert lange. Dabei braucht insbesondere das unverzichtbare institutionelle Vertrauen den langen Vorlauf der persönlichen Verlässlichkeit. In der Politik- und der Wirtschaftswissenschaft nennen wir das „Sozialkapital“, eine entscheidende Ressource freiheitlichen und demokratischen Zusammenlebens.

 
Wenn wir in der zunehmend unübersichtlichen Moderne freiheitliches Zusammenleben beleben und sichern wollen, müssen wir – jeder an seiner Stelle - Vertrauen durch eigene Verlässlichkeit stärken. Das ist Verpflichtung und Chance zugleich.

Andererseits darf Vertrauen auch nicht blind gegeben werden. Wer aus eigener Urteilskraft vertrauen will – und Vertrauen kann weder erzwungen noch gekauft werden, auch in diesem Sinne gehören Vertrauen und Freiheit zusammen - muss Möglichkeiten der Kontrolle, auch institutioneller Veränderungen wahren. Dazu brauchen wir überall mehr Transparenz und eine wache Öffentlichkeit. Neben den traditionellen Medien, die teils aus politischen, teils aus ökonomischen Gründen ihrer demokratischen, d.h. der Wahrheit verpflichteten Berichtspflicht oft nicht genügen, gewinnt hier das Internet, insbesondere im Gebrauch von gemeinnützigen zivilgesellschaftlichen Organisationen, eine zunehmende Bedeutung. Aber sowohl in dessen Handhabung als auch in seiner Auswertung sind wir zugleich wieder auf die eigene Vertrauenswürdigkeit auf der Grundlage von Transparenz angewiesen.

 

Wenn wir in der zunehmend unübersichtlichen Moderne freiheitliches Zusammenleben beleben und sichern wollen, müssen wir – jeder an seiner Stelle - Vertrauen durch eigene Verlässlichkeit stärken. Das ist Verpflichtung und Chance zugleich.

Vertrauen mehren – Zukunft gewinnen: darauf kommt es für jeden von uns an, insbesondere aber auch als zentrale Aufgabe des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin!

Gesine Schwan, Januar 2009