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Hans-Böckler-Stiftung | Gesine Schwan beim Hochschulpolitischen Forum       PDF       Drucken
Sonntag, den 06. März 2011 um 00:00 Uhr
Den Eröffnungsvortrag beim Hochschulpolitischen Forum 2011 hielt Prof. Dr. Gesine Schwan. Ihr Thema: "Von der Ware zum öffentlichen Gut - Hochschule der Zukunft".

    Vortrag von Frau Prof. Schwan (pdf)

 


 
Sendesperrfrist: Beginn der Rede, 13:15h 
Prof. Dr. Gesine Schwan             Berlin, den 24. Februar 2011 
Es gilt das gesprochene Wort: 
„Von der Ware zum öffentlichen Gut – Hochschule der Zukunft“ 


I. Einleitung 
Die  Hans  Böckler  Stiftung  hat  zu  einer  spannenden  Diskussion  über die „Hochschule der Zukunft“ eingeladen, und ich frage mich, wie es angesichts der  doch  ziemlich  weit  auseinanderliegenden  Vorstellungen  der  Beteiligten,  gelingen  kann,  zu  einer  gegenseitigen  Verständigung,  nicht  nur  zu  einem Schlagabtausch zu gelangen. 

In der Regel gelingt dies am besten, wenn man gemeinsame Interessen hat und sie sich auch klar macht. Ob wir sie haben, weiß ich nicht. Nach der Lektüre der beiden Texte der Hans Böckler Stiftung einerseits und der BDA und des BDI  anderseits  möchte  ich  immerhin  zu  Beginn  meiner  Überlegungen  kurz  das herausarbeiten, was ich – auch im Vergleich mit meinen eigenen Positionen ‐  als  einen  gemeinsamen  Nenner  begreife.  In  einem  zweiten  Schritt  will  ich  meine  eigenen  Folgerungen  aus  diesem  gemeinsamen Nenner ziehen, um meine Position durchsichtig und kritisierbar zu machen. Und in einem dritten kurzen Teil werde ich dann Fragen an die beiden anderen Positionen stellen,  die zur Diskussion überleiten können. Insgesamt verspricht es m.E. nicht viel, sich  über  Details  zu  streiten,  weil  gravierende  Unterschiede  schon  auf  der Ebene der Zielbegründungen und der Urteilskriterien liegen, über die wir uns verständigen müssten. Freilich ist es immer dienlich, abstraktere Gedanken an konkreten Beispielen zu erläutern.    
 
II. Der gemeinsame Nenner unserer Positionen 
Die  Gemeinsamkeiten  formuliere  ich  wie  folgt:  Hochschulen  sind  Orte,  an  denen  Wissenschaft  in  Forschung  und  Lehre  betrieben  wird.  Unabdingbare  Voraussetzung ist die Freiheit der Wissenschaft. Zugleich ist die „Hochschule der Zukunft“ der Gesellschaft, ihren Aufgaben und Bedürfnissen verpflichtet. Sie  muss  diese  Herausforderungen  annehmen,  aber  auch  ein  kritischer selbstreflektiver Akteur gegenüber der  Gesellschaft sein.

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In den Worten des Arbeitgeber‐Papiers:  „Ihre  gesellschaftliche  Verantwortung  nehmen  Hochschulen  auch  durch  ihre  kritische  Rolle  in  der Gesellschaft  wahr. Sie  beteiligen  sich an  öffentlichen Diskussionen,  hinterfragen  das  scheinbar  Selbstverständliche  und  bringen  bei wichtigen  wirtschaftlichen,  gesellschaftlichen,  sozialen  und  ökologischen Fragen ihren wissenschaftlichen Sachverstand ein.“ (S. 10)  
 
Besonders  gut  gefällt  mir  darin  die  Formulierung:  „hinterfragen  das  scheinbar Selbstverständliche“,  denn  das  ist  das  Proprium  der  Wissenschaft  und  in unserer  Zeit  besonders  dringlich;  nicht  zuletzt  für  die  Bildung  im  Allgemeinen  und  die  Persönlichkeitsbildung  im  Besonderen,  der  die  „Hochschulen  der Zukunft“  nach  dem  gemeinsamem  Verständnis  der  vorliegenden  Positionen ebenfalls zu dienen haben. 
  
Darüber  hinaus  sollen  Hochschulen  möglichst  leistungsfähig  sein,  ausreichend und  vornehmlich  vom  Staat  finanziert  werden  und  sich  auf  die  praktischen Probleme  der  Gesellschaft  einlassen,  vor  allem  der  Innovation  dienen.  Sie sollen  einem  erheblichen  Teil  eines  Jahrgangs  (ca.    30%  bis  40%)  sowie  allen Schichten  und  gerade  auch  Berufstätigen  offen  stehen.  Hier  ist  mehr Durchlässigkeit  gefordert.  Wichtig  ist  auch  zunehmend  eine  Anpassung  von  Studium  und  persönlichen  Biographien  (Familienbildung)  ebenso  wie 
Arbeitsbiographien.  Arbeits‐  und  Studienphasen  müssen  miteinander abwechseln können. 


In  der  Lehre  bilden  Hochschulen  nicht  nur  für  die  Wissenschaft  aus,  sondern auch  für  das  Arbeitsleben.  „Beschäftigungsfähigkeit“  und  Beobachtung  des  Arbeitsmarktes  sind  also  wichtige  Ziele.  Auch  darauf  müssen  sich  Hochschulen  in  Verantwortung  für  die  Gesellschaft  und  für  ihre  Absolventen  konzentrieren,  können  also  nicht  nur  einer  wissenschaftlichen  „Eigenlogik“  folgen.  Dazu  gehört,  das  praktische  gesellschaftliche  Umfeld  in  die  Wissenschaft einzubeziehen,  auch  dessen  verschiedene  Perspektiven  bei  der  Formulierung 
der  Probleme  und  wissenschaftlichen  Fragestellungen  aufzunehmen.    Die verantwortliche  Hochschule  der  Zukunft  zieht  sich  nicht  in  den  Elfenbeinturm zurück. Hochschulen  brauchen  für  eine  gute  Erfüllung  ihrer  Aufgaben  trotz demokratischer  Legitimation  möglichst  viel  Autonomie  gegenüber  dem  Staat als  ihrem  Hauptgeldgeber.  Das  stellt  hohe  Anforderungen  an  die  Leitung  von Hochschulen.   


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Wertvoll  ist  auch  eine  Differenzierung  der  Hochschullandschaft, 
um den vielfältigen Aufgaben in der Gesellschaft gerecht zu werden. 
Ein  weiteres  entscheidendes  Erfordernis  der  „Hochschule  der  Zukunft“  ist  ihre 
internationale  Ausrichtung.  Die  Welt  ist  immer  interdependenter  geworden 
und  der  Arbeitsmarkt,  insbesondere  für  Akademikerinnen  und  Akademiker  ist 
global.  Das  hat  Folgen  für  fremdsprachliche  Lehre,  vor  allem  für  notwendige 
Auslandsaufenthalte  während  des  Studiums  sowie  für  internationale 
Kooperationen in der Forschung und den Austausch von Lehrenden. 
Nimmt  man  diese  gerafften  Punkte  zusammen,  so  ergibt  sich  eine  beachtliche 
Zahl  von  Gemeinsamkeiten.  Und  doch  sprach  ich  von  erheblichen 
Positionsunterschieden.  Sie  treten  erst  in  Erscheinung,  wenn  man  die 
allgemeinen  Begriffe:  Freiheit  der  Wissenschaft,  Verantwortung  für  die 
Gesellschaft  (wer  und  was  ist  die  Gesellschaft),  Bildung,  Innovation, 
Arbeitsmarkt  und  Beschäftigungsfähigkeit,  Differenzierung  der 
Hochschullandschaft,  Internationalisierung  genauer  entfaltet  und  nach  den 
jeweiligen Begründungen fragt.  
Interessant  ist,  dass  man  im  Text  der  Arbeitgeber  den  Begriff  „Demokratie“ 
(oder  demokratisch)  kein  einziges  Mal  findet  (ich  habe  extra  die  Suchmaschine 
betätigt)  und  umgekehrt  im  Text  der  Böckler‐Stiftung  das  Wort  „die  Besten“ 
(groß  oder  klein  geschrieben)  auch  kein  einziges  Mal  (ebenfalls  ausweislich  der 
Suchmaschine).  Bei  den  Arbeitgebern  dagegen  finden  sich  die  Besten  mehrfach 
und  prominent  und  bei  der  Böckler‐Stiftung  gilt  dasselbe  für  die  Begriffe 
Demokratie  bzw.  demokratisch.  Das  erscheint  mir  durchaus  symptomatisch. 
Der  Befund  gibt  einen  Hinweis  auf  den  ganz  unterschiedlichen  Kontext,  in  dem 
die von mir zitierten gemeinsamen Begriffe jeweils stehen und von dem sie ihre 
Bedeutung und ihren Stellenwert erhalten. 
III. Meine Position zur „Hochschule der Zukunft“ 
Vor  diesem  Hintergrund  möchte  ich  meine  eigene  Position  kurz 
zusammenfassen.  
Als  Erstes  kommt  es  mir  sehr  darauf  an,  die  Vorstellungen  über  die 
„Hochschule  der  Zukunft“  bewusst  und  sorgfältig  zu  begründen,  also  den 
Referenzhorizont  zu  erhellen.  Dabei  handelt  es  sich  um  eine  werthafte,  eine 
normative  Begründung,  denn  es  geht  ja  um  Ziele  bzw.  Wünsche  ‐  so  wünschen

 
wir  uns  die  „Hochschule  der  Zukunft“  ‐,  nicht  um  Beschreibungen  oder 
Analysen  von  Vorhandenem.  Wertungen  kann  man  –  Max  Weber  hat  dies  bis 
heute  überzeugend  gezeigt  ‐  nicht  wissenschaftlich  bzw.  verbindlich 
begründen,  aber  man  kann  sie  auch  nicht  vermeiden,  sollte  sie  deshalb  um  der 
Nachprüfbarkeit der Argumentation willen transparent machen.  
Das  ist  im  Übrigen  auch  ganz  unverzichtbar,  wenn  man  sich  verständigen  will. 
Denn  seriös  betrachtet,  werden  sie  den  Zielen  ja  nicht  einfach  von  unten  als 
Dekoration  „angeklebt“,  sondern  stehen  in  einer  stimmigen  und 
überzeugenden  Konzeption  von  zukünftiger  Hochschule  in  schlüssigem 
Zusammenhang  mit  den  institutionellen  und  kulturellen  Folgerungen  im 
Einzelnen.  Die  den  Zielen  zugrundeliegenden  Werte  verstehen  sich  auch  nicht 
von  selbst,  auch  wenn  Zeitgeistigkeit  dies  manchmal  suggeriert.  Sie  können  im 
Übrigen untereinander auch in Widerspruch geraten.  
Meine  „Hochschule  der  Zukunft“  orientiert  sich  am  fundamentalen  Wert  der 
Freiheit  aller  Menschen,  das  heißt  an  ihrem  gleichen  Recht  auf 
Selbstbestimmung,  das  Freiheit  somit  untrennbar  mit  Gerechtigkeit  als 
Chancengleichheit  verknüpft.  Die  Freiheit  der  Wissenschaft  ist  Teil  dieser 
Freiheit.  Sie  bedingen  einander,  weil  ohne  persönliche,  politische  und 
gesellschaftliche  Freiheit  Wissenschaftsfreiheit  nicht  gedeihen  kann  und  diese 
ohne  die  Einbettung  in  politisch  verfasste  Freiheit  zum  Privileg  einiger  wird 
oder  als  Informationssteigerung  auf  Kosten  von  Selbstbestimmung  und 
Humanität  zur  Unmenschlichkeit  degenerieren  kann.  Die 
Wissenschaftsgeschichte hat  uns gelehrt, dass  Wissenschaft keine Begründerin, 
schon  gar  keine    Garantin  für  Moralität  und  Freiheit  ist.  Es  gab  hervorragende 
Wissenschaftler im Dienste des Nationalsozialismus.   
Wenn  die  gleiche  Freiheit  aller  die  Voraussetzung  von  nicht  degenerierender 
Wissenschaftsfreiheit  ist,  dann  haben  die  Hochschulen  jedenfalls  auch  –  nicht 
ausschließlich!  –  die  Aufgabe,  die  Sicherung  politischer  und  sozialer  Freiheit  als 
ihre  Grundlage  zu  stärken.  Angesichts  der  globalen  Interdependenz  und  vor 
dem  Hintergrund  der  universellen  Menschenrechte  gilt  dies  nicht  nur  für 
Deutschland,  sondern  überall  auf  der  Welt.  Eine  Forschung,  die  dazu  beiträgt, 
um  nationaler  Vorteile  willen  andere  Gegenden  oder  Gesellschaften  in 
Abhängigkeit  zu  bringen,  wird  dieser  Aufgabe  nicht  gerecht.  Gezielter  brain‐
drain  z.B.,  der  die  besten  Köpfe  nach  Deutschland  ziehen  will  und  in 

 
Entwicklung  befindliche  Gesellschaften  damit  um  ihre  Chancen  bringt,  wird 
dem  nicht  gerecht.  Und  handelt  gegen  das  eigene  wohlverstandene  langfristige 
Interesse.  Dasselbe  tut  ein  Verständnis  von  Internationalisierung  von 
Hochschulen,  das    vorrangig  den  sog.  Standort  Deutschland  oder  Europa  z.B. 
gegen die USA oder Asien stärken will. 
Wissenschaft  ist  universell  und  daher  gemeinwohlorientiert.  Das  Gemeinwohl 
kann  man  weder  dekretieren  noch  axiomatisch  oder  philosophisch  ableiten.  Es 
fällt  auch  nicht  vom  Himmel,  sondern  ist  Ergebnis  einer  fairen  sozialen  und 
politischen  Auseinandersetzung  –  die  Betonung  liegt  auf  „fair“.  Schon  gar  nicht 
folgt  es  aus  der  Summe  der  Partikularinteressen.  Es  gibt  auch  keine  Gruppe  in 
der Gesellschaft, die a priori einen Vorrang genießen würde.  
Wissenschaft  schöpft  ihre  Gemeinwohlorientierung  und  –  sehr  wichtig  –  ihre  
Autorität  daraus,  dass  sie  jegliche  Indienstnahme  für  partikulare  Interessen 
abwehrt,  denn  solche  Indienstnahme  steht  mit  Sicherheit  dem  Gemeinwohl 
entgegen  und  unterminiert  wegen  ihrer  Einseitigkeit  die  Wahrheit  ihrer 
Aussagen,  die  immer  alternative  Perspektiven  und  Argumente  von  sich  aus 
aufsuchen muss.  
Der Verlust der Autorität von Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten rührt vor 
allem  daher,  dass  sie  sich  vielfach  –  aus  Mangel  an  Finanzierung  –  von 
partikularinteressierten  Finanzierern  –  auch  staatlichen  ‐  in  Dienst  hat  nehmen 
lassen,  und  viele  Wissenschaftler  finden  das  inzwischen  normal.  Aber  dieses 
Verhalten  schadet  nicht  nur  einer  auf  Wahrheit  orientierten  Wissenschaft  – 
und  worauf  sollte  sich  Wissenschaft  sonst  orientieren?  ‐,  sondern  auch  der 
Demokratie  –  als  der  zeitgemäßen  Politik‐  und  Lebensform  von  persönlicher 
Freiheit.  
Diese  ist  nämlich,  das  wissen  wir  seit  Alexis  de  Tocqueville,  auf  Autoritäten 
angewiesen,  denen  man  nicht  alles  abnimmt,  die  man  aber  respektiert,  weil  sie 
kompetent  und  nicht  Partikularinteressen  unterworfen  sind.  Demokratische 
freiheitliche  Gesellschaften  brauchen  um  ihres  Zusammenhaltes  willen  solche 
Autoritäten,  an  denen  sie  sich  gemeinsam  „abarbeiten“  können,  um  immer 
erneut  zu  einem  Grundkonsens  über  ihr  Zusammenleben  zu  gelangen.  Sonst 
gewinnen  einfach  die  Mächtigsten  und  unterminieren  auf  diese  Weise  Freiheit 
und  Demokratie.  Unsere  gegenwärtige  Situation  zeigt  bereits  gefährliche

 
derartige  Erosionserscheinungen.  „Hochschulen  der  Zukunft“  sind 
„Autoritäten“.  
Sie  dienen  mithin  auch  nicht  einfach  einer  nationalen  Demokratie,  auch  nicht 
einer  bestimmten  gesellschaftlichen  Gruppe    ‐  z.B.  weder  Arbeitgebern  noch 
Arbeitnehmern  ‐,  sondern  der  Sicherung  demokratischer  Verhältnisse  überall 
auf  der  Welt  und  der  Chance  aller  gesellschaftlichen  Gruppen,  in  einem 
Machtgleichgewicht  einen  fairen  Anteil  an  den  gemeinsamen  Angelegenheiten, 
auch am gemeinsam erarbeiteten Wohlstand zu erhalten. 
Das  stellt  hohe  Anforderungen  an  die  Zusammenarbeit  von  Wissenschaft  und 
Gesellschaft,  die  damit  genauer  in  den  Blick  tritt.  Freiheitliche  Gesellschaften 
sind  pluralistisch,  sie  sind  faktisch  und  gewollt  von  einer  Vielfalt 
unterschiedlicher,  auch  miteinander  konfligierender  Interessen  durchzogen. 
Um  fruchtbar  zu  gelingen,  muss  Zusammenarbeit  zwischen  Wissenschaft  und 
Gesellschaft  vertrauensvoll  geschehen.  Aber  sie  muss  zugleich  jegliche 
gegenseitige  Vereinnahmung  vermeiden.  Es  handelt  sich  um  eine 
spannungsreiche,  man  könnte    sagen  „antagonistische“  Kooperation,  in  der  die 
unterschiedlichen  Logiken  der  gesellschaftlichen  Teilsysteme  einschließlich  der 
unterschiedlichen  Beurteilungskriterien  von  Leistungen  gewahrt  bleiben 
müssen. Sonst geschieht eine klammheimliche Landnahme, und die Freiheit der 
Gesellschaft als Ganzer wie ihrer Teilbereich geht verloren.  
Ein  Beispiel:  Wissenschaft  muss  immer  revisionsbereit  sein,  Unternehmen 
dagegen    müssen  entscheiden  und  Gewinn  machen.  Der  Erfolg  ihrer 
Kooperation  hängt  davon  ab,  dass  sie  jeweils  in  ihrer  eigenen  Verantwortung 
bleiben,  dass  Wissenschaft  sich  Kritik  an  unternehmerischen  Entscheidungen 
u.a.  im  Dienste  neuer  Weichenstellungen  in  der  Forschung  vorbehält  und 
Unternehmen  sich  nicht  in  die  Tatenlosigkeit  der  ständigen  wissenschaftlichen 
Revisionsbereitschaft  zwingen  lassen.  Das  kann  zu  Spannungen,  ärgerlichen 
Reibungen  und  Konflikten  führen,  ist  aber  die  Voraussetzung  von  Innovation, 
die beide wollen und von der sie profitieren. 
In  den  letzten  ca.  20  Jahren  sind  die  Unterschiede  zwischen  den  verschiedenen 
Teilsystemen  der  Gesellschaft  immer  mehr  verwischt  worden.  An  die  Stelle  je 
eigener  Qualitätskriterien,  Erfolgslogiken  oder  Motivationsmechanismen  hat 
ein  undifferenziert  ökonomisches  Markt‐  und  Wettbewerbsdenken  die 
gesellschaftlichen  Alternativen  Kunst,  Kultur,  Gesundheit,  Bildung,

 
Wissenschaft  etc.  mit  ihren  je  eigenen  Logiken    immer  mehr  aufgesaugt  und 
damit  insbesondere  Hochschulen,  Wissenschaft  und  Bildung  ihres  Reichtums 
und  ihrer  Vielfalt,  aber  auch  die  Gesellschaften  wichtiger,  ja  unverzichtbarer 
Potenziale  für  die  Zukunft  beraubt.  Nicht  nur  in  der  Hochschule,  sondern 
überhaupt  in  der  Bildung.  In  den  Mittelpunkt  meiner  eigenen  Überlegungen 
stelle  ich  deshalb  die  Kritik  an  der  Kolonisierung  der  Bildung  durch  die 
ökonomische  Markt‐  und  Konkurrenzlogik,  die  Bildung  und  Wissenschaft 
tendenziell  und  zum  Nachteil  von  Individuen,  Gesellschaft  und  Gemeinwohl  zur 
Ware macht.   
Im  Mittelpunkt  der  von  mir  kritisierten  Kolonisierung  steht  der  Begriff 
„Wettbewerb“.  Die  Forderung  des  früheren  BDI‐Präsidenten  Olaf  Henkel  zu 
Beginn  der  neunziger  Jahre,  von  der  Wettbewerbswirtschaft  zur 
Wettbewerbsgesellschaft  „fortzuschreiten“  (auch  ein  Fortschrittsverständnis!), 
markiert  diese  Kolonisierung.  Seitdem  gilt  der  Wettbewerb  in  allen  Bereichen  – 
nicht  nur  in  der  Wirtschaft  –  zugleich  als  Vehikel  der  Leistungssteigerung  wie 
als deren Qualitätsmaß. Wer im Wettbewerb siegt, ist der oder die Beste. Ohne 
Zweifel  ist  der  Wettbewerb  in  der  Wirtschaft  die  effizienteste  und 
unverzichtbare  Bedingung  für  Leistung,  weil  er  Vielfalt,  Innovation  und 
Entwicklung  ermöglicht  und  den  Marktteilnehmern  eine  faire  Chance  in 
Produktion  und  Konsum  bietet.  Auch  hier  sind  das  Ergebnis  aber  nicht 
eindeutig  „beste“  Produkte,  sondern  solche,  die  in  den  Augen  der  Abnehmer 
mit  ihren  jeweiligen  Präferenzen  –  die  sich  im  Laufe  der  Zeit  ändern  können, 
z.B.  immer  mehr  Aspekte  wie  Energiesparen  oder  Umweltschonen  einbeziehen 
– so ausgewählt werden.  
Im  Unterschied  zur  wirtschaftlichen  Produktion,  die  die  Leistungseinschätzung 
dem  Markt  überlassen  kann,  sind  Leistungen  von  Bildung  und  Wissenschaft  – 
bei  Humboldt  Bildung  durch  Wissenschaft  –  an  andere  Qualitätskriterien  und 
auch  an  andere  Entstehungsmotivationen  gebunden.  Das  Ergebnis  von  Bildung 
und  Wissenschaft  sind  nicht  Produkte  als  Waren  über  deren  Nützlichkeit  
Konsumenten  entscheiden  können,  sondern  gebildete  Persönlichkeiten  und 
wissenschaftliche  Einsichten  in  Wahrheits‐  und  Gemeinwohlverantwortung, 
vielleicht  und  hoffentlich  auch  praktisch  umsetzbare  Konzepte,  deren  Qualität 
sich  nicht  in  so  einfachen  Kategorien  wie  der  der  „Besten“  fassen  lassen.  Denn 
in  diesem  Begriff  der  „Besten“  schnurren  alle  möglichen  Einschätzungskriterien 
undifferenziert zusammen. 

 
Mehr:  die  Rhetorik  der  aus  dem  Wettbewerb  wie  selbstverständlich 
hervortretenden  „Besten“  blendet  zwei  wesentliche  Bedingungen 
wissenschaftlicher  Seriosität  aus:  die  vom  Wahrheitspostulat  geforderte 
Reflexion  über  Begründungen  und  Urteilskriterien  und  den  Aufruf  von  René 
Descartes:  De  omnibus  dubitandum,  dass  wir  an  allem  zweifeln  sollen. 
Wissenschaft  ist  im  Kern  auf  Zweifel  angelegt,  davon  hängen  ihre  Kreativität, 
ihre  Wahrheitsfähigkeit  und  ihre  Chancen  ab,  schließlich  auch  zur  Innovation  in 
der  Gesellschaft  –  in  der  Wirtschaft,  aber  auch  in  allen  anderen  Bereichen  der 
Gesellschaft ‐  beizutragen.  
Natürlich  besteht  Wissenschaft  nicht  nur  aus  Zweifeln,  sondern  auch  aus 
konstruktiven  Ideen  und  Antworten:  Ob  es  sich  um  eine  neue 
literaturwissenschaftliche Interpretation von Tolstoj handelt oder um eine neue 
natur‐  und  ingenieurwissenschaftliche  Antwort  auf  die  Frage  nach  dem 
Umgang  mit  CO2.  Aber  der  Raum  und  die  Zeit  für  Zweifel  müssen  auch  hier 
immer  offen  bleiben,  sonst  gerät  das  Konstruktive  zum  Dogma  oder  zur 
Borniertheit,  und  eine  zunächst  überzeugende  und  rentable  technische  Lösung 
wird  nicht  mehr  mit  alternativen  Lösungen  konfrontiert,  die  vielleicht 
nachhaltiger wären.  
Unternehmen  müssen  sich,  manchmal  mit  langem  zeitlichem  Vorlauf  bei 
großen  Investitionen  für  eine  Technologie  entscheiden.  Aber  diese  können  am 
Tag  der  Umsetzung  schon  veraltet  oder  jedenfalls  nicht  mehr  die 
interessantesten  sein.  Deshalb  muss  Wissenschaft  unabhängig  bleiben,  um  im 
Sinne  des  Gemeinwohls  nach  immer  neuen  Lösungen  zu  suchen. 
Kooperationen  sind  wichtig  und  hilfreich,  aber  sie  dürfen  die  beiden  Bereiche 
Wissenschaft  und  Wirtschaft  um  längerfristiger  Interessen,  d.h.  des 
Gemeinwohls  willen  nicht  verschmelzen.  Die  „Hochschule  der  Zukunft“ 
kultiviert  den  wissenschaftlichen  Zweifel  und  das  Denken  in  Alternativen 
bewahrt ihre Unabhängigkeit von anderen gesellschaftlichen Teilbereichen. 
Zweifel,  Alternativen  suchen  –  das  braucht  Zeit!  Die  „Hochschule  der  Zukunft“ 
braucht  für  Forschung  und  Lehre  nicht  nur  mehr  Geld,  sondern  auch  mehr  Zeit. 
Nicht  die  aktuell  effizienteste  Produktion  kann  das  Leitbild  sein.  Oft  sind 
Umwege  sehr  wichtig,  weil  sie  unerwartete  Perspektiven  eröffnen  können  und 
weil  man  das  „Neue“  nicht  als  Produkt  bestellen  kann.  Die  gegenwärtige  totale 
Konzentration  auf  den  Wettbewerb,  auf  die  sog.  Besten,  auf  Selektion  und  eine

 
ganz  unreflektierte  Schimäre  von  Exzellenz,  mit  der  Höchstschätzung  von 
Drittmitteln,  die  auf  rasche  Forschungsergebnisse  zielen,  mit  knappen 
Forschungsperioden, von denen die Hälfte darauf verwendet wird, wieder neue 
Forschungsmittel  an  Land  zu  ziehen  ‐  sie  fördert  eine  Kurzatmigkeit,  die 
nachhaltige  ausgereifte  Forschung  konterkariert.  Sie  macht 
WissenschaftlerInnen  zu  ManagerInnen,  anstatt  ihre  spezifische  Kreativität  zu 
nutzen. 
Wettbewerbsdruck,  Selektion,  kurzfristige  finanzielle  Mittel,  das  alles  soll  seit 
zwanzig  Jahren  den  Hochschulen  Beine  machen,  um  ihre  Leistung  zu  steigern. 
Man  erreicht  das  Gegenteil  und  berauscht  sich  häufig  an  Kennziffern  und 
Rankings  (als  eine  Art  Marktersatz),  um  besser  zu  kontrollieren  und  genau 
Bescheid  zu  wissen.  Damit  meinte  man  das  bis  heute  klaffende  finanzielle 
Defizite  wettmachen  zu  können.  Mit  verheerenden  Folgen,  die  viele  Potenziale 
zerstören  –  besonders  in  der  Lehre,  auf  die  ich  gleich  komme.  Vorab  geht  es 
mir  um  meine  Alternative  in  der  Forschung:  Die  Hochschule  der  Zukunft 
braucht weniger Wettbewerb und bessere finanzielle Grundausstattungen.  
Vielen  wird  dies  als  unverantwortlicher  Kontrollverlust  vorkommen.  In  der  Tat 
die  fruchtbare  Wissenschaft  kann  nur  gedeihen,  wenn  man  den 
Wissenschaftlern  weitgehend  vertraut  bzw.  die  Kontrolle  auf 
wissenschaftsinterne  Akteure,  nicht  zuletzt  die  Studierenden  verlegt  ‐  was 
öffentliche  Transparenz  nicht  aus‐,  sondern  einschließt.  Lebendige,  möglichst 
persönliche wissenschafts‐interne und inhaltliche Kommunikation würde an die 
Stelle  des  gegenwärtig  kontrollierenden    oberflächlichen 
Reputationswettbewerbs  –  gleichsam  vom  Hörensagen  der  Seilschaften  her  – 
treten und wieder zu mehr substanzieller  Auseinandersetzung führen. 
Hier möchte ich einen kleinen  Exkurs  zum Vertrauen einschieben:  Die  Klage um 
den  Vertrauensverlust  ist  allenthalben  und  nicht  neu.  Die  Mittel  dagegen 
werden  weniger  diskutiert.  Das  ist  natürlich  ein  weites  Feld.  Aber  die 
Komplexität  moderner  Gesellschaften  mit  ihren  Teilbereichen  macht  Kontrolle 
der  Spezialisierungen  immer  schwieriger  und  Vertrauen  immer  notwendiger. 
Ohne  vertrauenswürdiges  Verhalten  der  Menschen  können  wir  keine  Abhilfe 
finden.  Nur  wenn  jeder  an  seiner  Stelle  die  Wahrheits‐  und 
Integritätsforderungen  ernst  nimmt,  kann  in  der  Gesellschaft  als  Ganzer  wieder 
mehr Vertrauen entstehen. 
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Deshalb  sind  zum  einen  die  Unabhängigkeit  der  verschiedenen  Systeme  von 
einander  und  ihre  Transparenz  so  wichtig,  damit  keine  Übermächtigungen  zur 
Unehrlichkeit  führen.  Zum  anderen  aber  ist  ein  Verstoß  dagegen  in  einem 
gesellschaftlichen  Teilsystem  –  der  Wissenschaft,  dem  Sozialwesen,  der 
Wirtschaft  –  ein  Angriff  auf  das  gesamtgesellschaftliche  Vertrauen.  Wer  in  der 
Wissenschaft  Integritätsforderungen  nicht  beachtet,  unterminiert  nicht  nur  das 
System  Wissenschaft,  sondern  das  gesamtgesellschaftliche  Vertrauen,  das  auf 
ein  vertrauenswürdiges  Wissenschaftssystem  angewiesen  ist.  Der  Volksmund 
sagt  dazu  mit  Weisheit:  „Wer  einmal  lügt,  dem  glaubt  man  nicht,  und  wenn  er 
auch  die  Wahrheit  spricht.“  Warum  sollte  man  in  der  Wissenschaft  täuschen 
und  in  der  Wirtschaft,  der  Kultur  oder  der  Politik  die  Wahrheit  sagen?  Wer  die 
Regeln  wissenschaftlicher  Integrität  missachtet,  zeigt  kein  wissenschaftliches, 
sondern  ein  moralisches,  vielleicht  sogar  rechtliches  Fehlverhalten.  Wer  als 
Klempner  mit  unerlaubtem  Material  arbeitet,  zeigt  kein  klempnerisches, 
sondern ein rechtliches oder moralisches Fehlverhalten. 
Ich  habe  bisher  von  der  zerstörerischen  Wirkung  der 
Wettbewerbsverabsolutierung  in  der  Forschung  gesprochen.  Mindestens 
ebenso  desaströs  wirkt  sich  seine  Totalisierung  in  der  Lehre  bzw.  in  der  Bildung 
aus.    Die  Spatzen  pfeifen  es  inzwischen  von  den  Dächern,  wie  sehr  der 
Wahnwitz  des  Wettbewerbs  von  früh  an  und  die  dahinter  stehende  Angst  der 
Eltern,  dass  ihre  Kinder  nur  als  die  Besten  und  die  Talentiertesten  eine 
berufliche  Überlebenschance  haben,  unseren  Kindern  psychisch  und  physisch 
schadet,  und  übrigens  auch  den  Eltern.  In  einer  sog.  Wissensgesellschaft  sollte 
man  zur  Kenntnis  nehmen,  dass  Lernen  vor  allem  durch  Selbstbestimmung  und 
Angstfreiheit  unterstützt  wird,  nicht  durch  Druck  und  Angst.  Verbote  mögen 
sich  durch  Angst  gut  und  schnell  einprägen,  kreative  Lösungen  für  Probleme  zu 
finden, gelingt dagegen in einem Klima der freundschaftlichen Kooperation und 
der  Freiheit.  Hirnforscher  wie  Manfred  Spitzer,  der  selbst  fünf  Kinder  hat,  
werden  auch  aus  naturwissenschaftlicher  Perspektive  nicht  müde  das  zu 
betonen. 
Seit  zwei  Jahrzehnten  haben  jedoch  bei  uns,  unterstützt  durch  eine  weit 
verbreitete  Weltsicht  des  alles  verschlingenden  globalen  Wettbewerbs,  die 
Konzentration  auf  Konkurrenz  und  Elite,  darauf,  alles  als  Beste  zu  absolvieren, 
das Starren auf die Noten, damit man die nächste Bildungshürde nehmen kann,
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die  Bildungsinstitutionen  mehr  und  mehr  durchdrungen  und  den  Geist  aus  den 
Hochschulen zugunsten einer oberflächlichen Geschäftigkeit vertrieben.  
Um  die  sog.  Besten  einwandfrei  ermitteln  zu  können,  versucht  man  Prüfungen 
so  weit  wie  möglich  zu  quantifizieren  und  unter  dem  Stichwort 
„studienbegleitende  Leistungskontrollen“  zahlenmäßig  ins  Aberwitzige  zu 
steigern.  Damit  wird  das  Abgefragte  standardisiert,  zugunsten  eines  eher 
repetitiven  Lernens,  das  eigene  kreative  Kräfte,  gar  Widerspruch  oder 
Infragestellung  der  neuen  Lernprozedur  nicht  mehr  zulässt.  Das  Ganze 
geschieht  unter  einem  enormen  Zeitdruck,  der  geistige  Reifungsprozesse, 
Engagement  in  der  Hochschule  oder  überhaupt  außerhalb  des  eigentlichen 
Lernprogramms,  eigenständig‐erfinderisches  Suchen,  um  sich  Herumschauen, 
ganz zu schweigen von Liebeskummer nicht mehr erlaubt.  
Die  Konzentration  auf  den  Wettbewerb  mit  der  notwendigen  Hierarchisierung 
der  Ergebnisse  –  man  muss  ja  die  Besten  finden!  –  blendet  bei  den 
Studierenden  viele  Fähigkeiten  und  Potenziale  aus,  weil  sie  gar  nicht  mehr 
abgefragt  werden.  Damit  entmutigt  man  diejenigen,  die  dabei  auf  der  Strecke 
bleiben,  schafft  eine  Mehrheit  von  Verlierern  und  beraubt  die  Gesellschaft 
wertvoller  Potenziale,  die  sie  in  Zukunft  vermutlich  bitter  braucht.  Ganz  zu 
schweigen  von  dem  Leid,  das  dieses  System  über  die  jungen  Menschen  und 
ihre  Eltern  bringt.  „Die  Hochschule  der  Zukunft“    bringt  Gewinner  hervor,  nicht 
eine Schar von Verlierern. 
Der  Blick  auf  den  Arbeitsmarkt  ist  für  die  Absolventen  prinzipiell  eine 
unverzichtbare  Option,  geschieht  gegenwärtig  aber  häufig  und  vor  allem  bei 
den  Wettbewerbsanhängern  in  der  Illusion,  dass  man  ihn  für  die  nächsten  fünf 
Jahre  vorhersagen  könnte.  Alle  seriösen  Studien  etwa  des  Max‐Planck‐Instituts 
für  Bildungsforschung  in  Berlin  zeigen,  dass  dies  nicht  möglich  ist.  Stattdessen 
käme  es  darauf  an,  das  Wettbewerbsdenken  radikal  hinter  sich  zu  lassen  und 
die  individuellen  Fähigkeiten  so  zu  fördern,  das  jedes  Kind  und  jeder 
Studierende  Spitzenleistungen  nicht  im  Vergleich  zu  den  anderen,  sondern  zu 
seinen  eigenen  Potenzialen  erreicht.  Damit  stärkt  man  Motivation  und 
erfolgreiches Lernen.  
Zwischen  Studierenden  wie  zwischen  Hochschulen  verläuft  eine 
Differenzierung,  die  Vielfalt  erhält  und  fördert,  dann  horizontal,  nicht  vertikal‐
hierarchisch  mit  starrem  Blick  auf  die  Besten.  Die  Differenzierung  des
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Hochschulsystems der Zukunft kapriziert  sich nicht  auf Leuchttürme, sie fördert 
eine  gleichberechtigte  Vielfalt,  die  der  Vielfalt  arbeitsmarktlicher  und 
insgesamt  gesellschaftlicher  Anforderungen  und  den  weltweiten 
Herausforderungen,  die  wir  aktuell  in  ihrer  Gesamtheit  noch  gar  nicht 
vorhersehen  können,  möglichst  gut  entspricht.  Kooperation,  die  wir  dringend 
brauchen,  vom  Unternehmen  bis  zur  internationalen  Entwicklung,  wird    nicht 
durch  zermürbend  feindselige  Konkurrenz  zersetzt.  Diese  Art  komplementärer 
und  kooperativer    Differenzierung  befördert  keine  Gesellschaft  von  Wölfen,  die 
sich  gegenseitig  auflauern,  wie  Thomas  Hobbes  sie  zeichnet  und 
konsequenterweise  in  einen  mit  ungeteilter  Macht  ausgestatteten  Leviathan‐
Staat  verfrachtet.  Angesichts  der  innergesellschaftlichen  Feindseligkeit  ist  der 
nämlich  allein  in  der  Lage,  den  Bürgerkrieg  zu  verhindern.  Ganz  analog 
unterminiert  die  gegenwärtig  gesellschaftlich  verabsolutierte  Konkurrenz  die 
Demokratie. 
Die  „Hochschule  der  Zukunft“  verabschiedet  sich  radikal  von  dieser 
Konkurrenz‐  und  Elitenmanie  und  schafft  ein  Klima  intensiven  Lernens  und 
intensiver  verantwortungsbewusster  Leistung  in  Vielfalt.  Sie  lässt  allen 
Studierenden  die  Möglichkeit  offen,  nach  einem  Bachelor  –  mit  oder  ohne 
berufliche  Unterbrechung  –  einen  Master  anzuschließen,  um  die  irreführende 
Rennerei  nach  den  besten  Abschlussnoten  zu  beenden.  Wenn  für  Bachelor 
Absolventen  Chancen  auf  dem  Arbeitsmarkt  bestehen,  werden  viele  ohnehin 
nicht  sofort  weiter  studieren,  nach  einer  Berufsphase  aber  möglicherweise 
wieder  auftanken  wollen.  Das  entspräche  durchaus  einem  sinnvollen 
lebenslangen  Lernen  und  der  weiteren  Durchlässigkeit  des  Studiums  für 
Menschen,  die  im  Beruf  neue  Einsichten  entwickeln  und  Erfahrungen  sammeln 
können, die sie zu effektivem Lernen motivieren.  
Die  „Hochschule  (wie  die  Schule)  der  Zukunft“  denken  nicht  in  Defiziten, 
sondern  in  Potenzialen  und  mobilisieren  diese  Potenziale  durch 
Leistungserfolge  der  jungen  Menschen  auf  den  Gebieten,  auf  denen  ihre 
Stärken  liegen.  Das  dient  den  unterschiedlichen  gesellschaftlichen 
Erwartungen,  nicht  zuletzt  der  Wirtschaft  am  besten,  die  auf  motivierte 
ausgeglichene  Mitarbeiter  setzen  kann,  nicht  mit  ehrgeizbesessenen 
Automaten  zurechtkommen  muss.  Dadurch  verbessert  sie  auch  den  Standard 
sog.  Grundfertigkeiten,  weil  das  Selbstwertgefühl  der  Lernenden  steigt  und  sie 
zu  besserer  Leistung  sowohl  ermutigt  als  auch  stimuliert.  Haben  Sie  je  ein  Kind
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gesehen,  das  angesichts  seiner    eigenen  Leistung  faul  wird  und  seine 
Aktivitäten einstellt? 
Im  Übrigen  verbindet  die  autonomer  gewordene  „Hochschule  der  Zukunft“ 
effizientes  Management  mit  demokratischer  Teilhabe.  Die  Macht  der  Leitung 
liegt  dem  Machtverständnis  Hannah  Arendt  folgend  in  ihrer  Fähigkeit, 
Gemeinsamkeit  für  neue  Ziele  zu  schaffen.  Nach  neun  Jahren  als  Präsidentin 
einer  Hochschule  bin  ich  nicht  naiv  in  Bezug  auf  Beharrungskräfte  und 
inneruniversitären  Provinzialismus.  Dennoch    plädiere  ich  für  demokratische 
Mitbestimmung aus drei Gründen: 
1. Sie  fördert  eine  Klima  der  Transparenz  und  der  Argumentation  und 
veranlasst  die  Leitung  dazu,  kohärente  Konzepte  vorzulegen  und  zu 
begründen. 
2. Sie  trainiert  Formen  der  Willensbildung  und  der  argumentativen 
Auseinandersetzung,  die  einem    freiheitlichen  politischen  System,  einer 
Demokratie angemessen sind.  
3. Was  an  Zeit  für  die  Überzeugung  in  den  Gremien  „verloren“  gehen  mag, 
kommt  als  Zeit‐Gewinn  in  der  Implementation  von  Veränderungen 
wieder zurück. 
Schließlich:  die  Finanzierung.  Mit  den  gegenwärtigen  finanziellen  Mitteln 
können  die  Hochschulen  ihren  Aufgaben  für  die  Zukunft  nicht  gerecht  werden. 
Eine  Ausweitung  durch  private  Finanzierer  ist  nicht  in  Sicht  und  in  den  Folgen 
auch  problematisch.  Umschichtungen  im  staatlichen  Haushalt  sind  im 
notwendigen  Ausmaß  nicht  zu  erwarten.  Wir  kommen  um  folgende 
Maßnahmen  nicht  herum,  wenn  wir  Bildung  wirklich  für  die  Zukunft  ausstatten 
wollen: 
1. Umschichtung von Bundesmitteln in die Länder, die für Bildung zuständig 
sind und sich diese Kompetenz auch nicht nehmen lassen werden. 
2. Übergang von einem kompetitiven zu einem kooperativen Föderalismus. 
3. Neue  Steuereinnahmen,  z.B.  durch  eine  Vermögenssteuer,  die  zu 
Unrecht abgeschafft worden ist.  
4. Steuerliche  Begünstigung  von  Stiftungen,  allerdings  nur,  wenn  in  Zukunft 
mindestens 70% an stiftungsfremde Projekte gehen, Stiftungen also nicht 
mir steuerlichen Mitteln praktisch nur ihre eigenen Projekte finanzieren.
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IV. Fazit 
Die  „Hochschule  der  Zukunft“  atmet  den  Geist  der  zweckfreien 
wissenschaftlichen  Neugier,  der  Verantwortung  für  politische  und 
gesellschaftliche Freiheit überall auf der Welt, des Zweifels und Denkens in 
Alternativen,  des  Respekts  vor  den  unterschiedlichen  Logiken  der 
gesellschaftlichen  Teilbereiche,  der  Förderung  gleichberechtigter  Vielfalt,  
Nachdenklichkeit, gegenseitigen Achtung und Offenheit, der demokratischen 
Teilhabe und  insgesamt eines zupackenden Realitätsbezuges, in dem wir uns 
bei aller Differenzierung unserer sozialen Rollen als citoyens, als Bürger unseres 
freiheitlichen  Gemeinwesens  auf  die  zukünftigen,  heute  z.T.  noch 
unübersichtlichen  Herausforderungen vorbereiten. In dem  wir uns nicht nur 
um  unser  eigenes  Fortkommen  kümmern,  sondern  Verantwortung  für  das 
Gemeinwohl  übernehmen.  In  dem  wir  erkennen,  dass  Bildung  und 
Wissenschaft keine Waren sind, die für die private Karriere angeboten werden 
und  ihr  ausschließlich  dienen,  sondern  ein  öffentliches  Gut,  das  für  das 
Gelingen  des  individuellen  Lebens  genauso  wichtig  ist  wie  für  die  Stärkung 
freiheitlicher Gesellschaften, die auf Verständigung und Ausgleich zielen und 
gerade darin Höchstleistungen vollbringen. In der „Hochschule der Zukunft“ 
macht es wieder Spaß, gemeinsam und im Austausch mit der Gesellschaft zu 
studieren, zu lehren und zu forschen. 
Soweit meine Vision. 
 
V. Fragen an die Gesprächspartner 
 
a) Zum  Papier  des  BDA/BDI  und  des  Stifterverbands  der  deutschen 
Wissenschaft 
1. Spielt  die  Demokratie  als  Orientierung  für  die  „Hochschule  der 
Zukunft“ eine Rolle? 
2. Soll  der  Entwurf  den  gesamtgesellschaftlichen  Interessen  und 
Herausforderungen entsprechen oder formuliert er Erwartungen und 
Interessen  der  herausgebenden  Verbände  bzw.  der  deutschen 
Wirtschaft?
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3. Aus  welchen  „Stakeholder“  Gruppen  setzt  sich  die  Gesellschaft 
gegenüber der Hochschule zusammen? Für wen ist sie da?  
4. Sind  für  die  Wirtschaft  neben  den  Natur‐  und 
Ingenieurwissenschaften  auch  die  Geistes‐,  Sozial‐  und 
Kulturwissenschaften von Belang? 
5. Wie ist die Vermittlung von Wettbewerb und Kooperation zu denken 
angesichts  des  klaren  Übergewichts  von  Wettbewerb  und  der 
Nullsummen‐Situation die er begünstigt? 
6. Welchen  Sinn  hat  es  in  einer  globalisierten  Wirtschaft,  die  besten 
Köpfe aus aller Welt nach Deutschland zu ziehen? 
7. Gibt  es  Unterschiede  zwischen  Unternehmen  und  Hochschulen 
hinsichtlich ihrer Ziele, Strukturen und Kulturen? 
8. Haben  Finanzierer  auch  die  Felder  von  Forschung  und  Lehre  zu 
bestimmen  (z.B.  staatliche    Förderprogramme  die  „politisch 
relevanten Wissensfelder“?) 
9. Können  zur  besseren  Bildungsfinanzierung,  gerade  auch  der 
Hochschulen,  neue  Steuern  erhoben  werden  (z.B. 
Vermögenssteuer?)? 
 
b) Fragen an das Papier der Böckler‐Stiftung: 
 
1. Spielt die Auswahl der „Besten“ eine Rolle in Ihrem Konzept? 
2. Was ist eine „soziale Hochschule“? 
3. Fühlt sich der Entwurf vor allem den Arbeitnehmern verbunden oder 
auch konträren gesellschaftlichen Gruppen? 
4. Wie soll sich das Verhältnis von Leitung und Partizipation gestalten? 
5. Wie  können  Transparenz  und  „informelle  Partizipation“  im 
vorgeschlagenen Governance Modell miteinander vereinbart werden? 
6. Welchen Einfluss sollen Staat und Politik auf Forschung und Lehre 
nehmen? 
7. Was  erwartet  der  Entwurf  von  Evaluationen  und  Akkreditierungen 
hinsichtlich der Qualitätssicherung von Forschung und Lehre? 
8. Wie soll die öffentliche Finanzierung erhöht werden? 
9. Wie  steht  die  Böckler‐Stiftung  zu  Steuererhöhung  speziell  für  die 
Finanzierung der Bildung?
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