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Gesine Schwan im Zitat

Eltern und Kindheit

Mir ist erst lange nach meiner Studienzeit klar geworden, in was für Ausnahmeverhältnissen ich aufgewachsen war. Meine Eltern gehörten keiner Partei an, pflegten aber eine klar antinationalsozialistische Linie. Sie waren Mitglieder protestantischer und sozialistischer Widerstandskreise.

 
Es war sicher diese Grundhaltung, die sich meine Eltern dafür entscheiden ließ, im letzten Kriegsjahr ein jüdisches Mädchen bei uns zu Hause zu verstecken.

Meine Mutter war von Beruf Fürsorgerin, mein Vater Lehrer, später Oberschulrat, und eine Maxime ihrer gemeinsamen Erziehung lautete: Schaut Euch um, seid aufmerksam, nehmt wahr, wie es den Leuten um Euch herum geht! Aus der Distanz betrachtet, würde ich sagen, dass vor allem meine Mutter das lebte, was wir heute „Inklusionsprinzip“ nennen und Gottseidank endlich zu einem Maßstab von gelungener Politik machen: Niemanden draußen lassen! Aufpassen, dass niemand beiseite stehen muss!

Es war sicher diese Grundhaltung, die sich meine Eltern dafür entscheiden ließ, im letzten Kriegsjahr ein jüdisches Mädchen bei uns zu Hause zu verstecken. Die gleiche Haltung, dieses unmittelbare Mitgefühl, brachte meine Mutter in den fünfziger Jahren dazu, spontan eine junge Frau, die aus Schlesien geflüchtet war, bei uns aufzunehmen. Meine Mutter sah Irene bei einer Schultheateraufführung hemmungslos weinen – nach siebenjähriger Gefangenschaft hatte sie ausgerechnet dort an diesem Abend zum ersten Mal ihre Tochter wieder getroffen. Irenes Familie zog zu uns – wir hatten eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Berlin und zwei kleine zusätzliche Räume – und lebte über ein Jahr lang bei uns.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: Allein ist nicht genug. Für eine neue Kultur der Gemeinsamkeit. (Gesine Schwan mit Susanne Gaschke)