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Gesine Schwan im Zitat

1968 und die Studentenbewegung

Ich erinnere mich an eine Schlüsselszene, die meine Achtung für manche Akteure der Studentenbewegung nicht eben gesteigert hat: Mein Mann Alexander und ich, der Politikwissenschaftler Hartmut Jäckel und andere hielten 1968 ein Pluralismus-Seminar an der Freien Universität ab, als eine Horde Studenten hereingestürmt kam – keine Politikwissenschaftler, sondern Psychologiestudenten oder ähnliches, man rekrutierte für diese Aktionen gern Leute aus anderen Fächern –, mit Tomaten und Eiern warf und von meinem Mann eine Rechtfertigung für einen Artikel verlangte, der ihnen aus irgendeinem Grunde politisch nicht korrekt erschienen war.

 
Die Weigerung vieler Achtundsechziger, die Brutalität des kommunistischen Systems genau so engagiert anzuprangern wie die unbestreitbaren Missstände im Kapitalismus, hat mich damals wohl am meisten provoziert.

Wohlgemerkt: Erst flogen die Tomaten und die Eier, und auch danach gab es nicht ansatzweise den Versuch eines Gesprächs, sondern nur schrille Anklagen. Die Rädelsführer gingen auch körperlich auf einige der Anwesenden los, darunter Hartmut Jäckel, weil sie sich offenbar nicht ganz sicher waren, wie mein Mann eigentlich aussah. Erst im großen Finale dieser traurigen Darbietung rückten sie ihm dann auch persönlich zu Leibe.

Der Anführer der Gruppe, heute ein bekannter und geachteter Historiker, bewies später jedoch seine Anpassungsfähigkeit an bürgerliche Machtverhältnisse: Als ich Anfang der neunziger Jahre Dekanin am Otto-Suhr-Institut der FU war, kam er ganz artig zu mir und fragte, ob er sich wohl habilitieren dürfe.

Immerhin kamen wir dann endlich einmal zu einer ernsthaften Unterhaltung, und was er mir schilderte, stärkte eine Vermutung, die ich schon länger über die Motivationen der Achtundsechziger gehegt hatte: Überdurchschnittlich viele von ihnen stammten aus autoritären Elternhäusern. Und während sie in der Auseinandersetzung mit diesen Eltern vollkommen aufrichtig und ernsthaft entrüstet waren (auch in der Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die ihre Schuld im und am Nationalsozialismus lieber verdrängen wollte als sich ihr zu stellen), so waren sie doch nicht stark genug, sich auch im Habitus von ihren Eltern abzugrenzen. Das heißt, sie führten den Streit genauso unerbittlich und letztlich autoritär, wie sie es ihren Eltern vorwarfen. Die Antiautoritären reproduzierten das Verhalten ihre Väter und Lehrer, denen die alte Autorität durch den Nationalsozialismus abhanden gekommen war, was sie durch besonders autoritäres Auftreten zu kompensieren suchten.

Die Weigerung vieler Achtundsechziger, die Brutalität des kommunistischen Systems genau so engagiert anzuprangern wie die unbestreitbaren Missstände im Kapitalismus, hat mich damals wohl am meisten provoziert. Anders als früher sehe ich darin heute aber nicht mehr ausschließlich ein Zeichen für eine undemokratische Einstellung. Sicher: Das Absehen von der Realität der Diktatur bleibt ein politischer Fehler. Es war jedoch oft eine (leider unreflektierte) Reaktion auf den Antikommunismus der Eltern und Lehrer, der seinerseits keineswegs demokratisch fundiert war, sondern ein bruchloses Weiterlaufen auf NS-Pfaden erlaubte und zudem das gute Gefühl vermittelte, jetzt dennoch auf der richtigen und außerdem siegreichen Seite zu stehen.

Eine schlichte Verdammung der Achtundsechziger als Urheber einer allgemeinen sozialen und psychischen Entwurzelung, wie sie von konservativer Seite betrieben wurde und betrieben wird, wird dem Phänomen „Achtundsechzig“ deshalb nicht ganz gerecht. Denn es stimmt ja, dass die damalige Rebellion das, was in Deutschland heute an demokratischen Strukturen vorhanden ist, zumindest zum Teil fundiert und gestärkt hat.

Die Diskrepanz, die bis 1968 zwischen den demokratischen politischen Institutionen und dem noch vielfach undemokratischen Bewusstsein und Verhalten in Gesellschaft und Politik klaffte, wurde durch den Aufstand gegen den traditionellen deutschen Autoritarismus in Familie und Schule, gegen den Mangel an Kritik und Konfliktfähigkeit, gegen die grassierende Doppelmoral wenigstens teilweise zugunsten einer demokratischeren Kultur überwunden. Nur schossen eben manche Protagonisten weit übers Ziel hinaus.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: Allein ist nicht genug. Für eine neue Kultur der Gemeinsamkeit. (Gesine Schwan mit Susanne Gaschke)